Politik : Ein bisschen freier

Gute Freunde sind Schröder und Bush bei ihrem Treffen nicht geworden – sie haben aber einen neuen Zugang zueinander gefunden

Peter Siebenmorgen[Washington]

Von Peter Siebenmorgen,

Washington

Rechts neben dem Präsidenten der Vereinigten Staaten, das linke Bein über das rechte geschlagen, die Hände auf dem Oberschenkel, so sitzt Gerhard Schröder da im Oval Office nach seinem Gespräch mit George Bush – und genießt. Gerade wurde der Gastgeber von einem Journalisten gefragt, wie es denn mittlerweile um das persönliche Verhältnis zwischen den beiden Staatsmännern bestellt sei. Vor einem guten Jahr, auf dem Höhepunkt der Irak-Krise, hatte Bush das gegenüber seinen engsten Beratern auf eine ganz einfache Formel gebracht: „Wir stecken ihn in den Kühlschrank.“

Und da sollte er eigentlich für immer bleiben. Auch heute hat Bush einfache, verständliche Worte parat, um seine Meinung zu Schröder auf den Punkt zu bringen. Doch diese klingen um Welten wärmer: „Der Kanzler ist ein Mann mit einem guten Humor. Daher gelingt es ihm, mich zum Lachen zu bringen. Und mit Menschen, die mich zu amüsieren verstehen, umgeben zu sein, ist gut. Deshalb bin ich gern in Schröders Gesellschaft."

Dem derart Gelobten tun solche Sätze sichtlich gut, über das müde Gesicht, dessen Züge gleichwohl entspannt sind, huscht ein zufriedenes Schmunzeln. Wie sehr sich die Betriebstemperatur zwischen den beiden Staatsmännern verändert hat, konnte man schon bei der ersten Frage nach der Begegnung ermessen. Ein amerikanischer Reporter wollte nämlich von seinem Präsidenten wissen, wie das denn nun mit dem neo-republikanischen Projekt der Homo-Ehe zu verstehen sei. Und als die auch für weniger dem Englischen zugetane Ohren verständlichen Schlüsselworte des Journalisten fallen, ist für einen Augenblick sogar das Dienstzimmer von Bush erfüllt von Schröders demonstrativ krachendem Lacher. Wenig später, zu Beginn des gemeinsamen Mittagessens (Maine-Hummer, Osso Buco, geeiste Birnen-Mousse), kommt Bush gegenüber Schröder darauf zurück. „Hast Du das gehört, Gerhard? Da fragen die mich doch tatsächlich nach der Homo-Ehe. So sind sie, die amerikanischen Journalisten."

In derart gelöster Atmosphäre fand die gesamte Begegnung statt. Als dicke Freunde werden sich Bush und Schröder gegenseitig sicherlich immer noch nicht bezeichnen – wahrscheinlich nie. Sie haben aber einen neuen Zugang zueinander gefunden. Und wenn sie jetzt nicht mehr über die belastende jüngste Vergangenheit reden wollen, so ist dies keine Wirklichkeitsflucht, sondern eher Ausdruck des beiderseitigen Willens, es vernünftig neu miteinander zu versuchen.

In diesem Sinne war denn auch die Agenda, die sich die beiden bei ihrem knapp 45-minütigen Gespräch und dem anschließenden Mittagessen vorgenommen hatten, nicht mit konkreten Projekten, die zu verabreden wären, gefüllt. Die beiden führten tatsächlich das, was ansonsten eher in Ummäntelung einer eher schwierigen, problematischen Begegnung ein „offener Meinungsaustausch" genannt wird. Schröder hörte aufmerksam zu, als Bush über Nordkorea und die akuten Gefahren der Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen sprach, oder Ideen für eine umfassende Initiative zur Befriedung des Nahen und Mittleren Ostens vortrug.

Im Gegenzug erläuterte Schröder dem Gastgeber die alternativlose Notwendigkeit der Agenda 2010 und die Schwierigkeiten bei deren Umsetzung oder seine positiven Eindrücke von der jüngsten Türkei-Reise. Dass Erdogan auf dem richtigen Weg sei, darüber war man sich einig, und auch darin, dass Putin, so kritisch die Lage in Russland gegenwärtig auch zu bewerten sei, immer noch eher als einer der Guten zu betrachten sei. Verschont haben sich beide Seiten dagegen mit Wünschen an den Partner, die einstweilen unerfüllbar sind. Anfragen, ob nicht vielleicht doch noch deutsche Soldaten demnächst in den Irak entsendet werden sollen, unterblieben. Und von deutscher Seite wurde nicht problematisiert, dass im Falle eines dortigen Nato-Engagements auch Bundeswehr-Offiziere in den entsprechenden Stäben mitwirken würden.

Rund anderthalb Stunden haben sich Bush und Schröder gesehen. Die ganze Reise nach Amerika, mit Zwischenstopps in Chicago und Jackson (Mississippi) dauerte 52 Stunden, von denen der Kanzler allerdings 23 über den Wolken verbrachte. Aber die äußeren Strapazen der Visite haben sich aus Sicht beider Seiten durchaus gelohnt. Dass Bushs Interesse keineswegs in erster Linie innenpolitisch – im November stehen die nächsten Präsidentschaftswahlen an – motiviert war, darf man annehmen: Die Medienprofis im Weißen Haus werden kaum überrascht gewesen sein, dass der Besuch aus dem „alten Europa“ in den Nachrichtensendungen der Fernsehanstalten kaum mehr als 20 Sekunden Zeit der Berichterstattung beanspruchte. Für Bush war es aber, beispielsweise, außenpolitisch wichtig, dass sich Schröder offensiv, uneingeschränkt und öffentlich für den Wiederaufbau und die demokratische Neugestaltung des Irak einsetzte. Wenn selbst einer der erbittertsten Gegner des Kriegs das so sieht, dann könnte das eine Signalwirkung in die Region haben: Auch wenn man den Krieg für falsch gehalten haben mag, was jetzt geschieht, ist richtig!

Für Schröder ist der Ertrag keineswegs geringer. Insbesondere die gemeinsame Erklärung über das deutsch-amerikanische Bündnis für das 21. Jahrhundert rechnet sich die Bundesregierung als großen Erfolg an. Ein knappes Jahr nach dem Irak-Krieg kann jetzt jeder sehen, dass Schröders Kurs ihn alles andere als einsam gemacht hat. Dass es aber mit dem etwas selbstbewussteren Kurs der deutschen Außenpolitik weitergehen wird, auch dafür gab es Signale. Denn bei allen Bekundungen der Solidarität mit den Vereinigten Staaten und des partnerschaftlichen Engagements, ob in Afghanistan oder auf dem Balkan, eines vergaß Schröder nie zu erwähnen: „Wir bezahlen das aus eigener Tasche.“ Was im Grunde nichts anderes heißt als: Wir sind ein bisschen freier geworden in unseren Entscheidungen.

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