Politik : „Ein bisschen Hochverrat“

Vier Jahre Haft für den Islamisten Bashir – in Indonesien halten viele das Urteil für sehr milde

Moritz Kleine-Brockhoff[Jakarta]

Von Moritz Kleine-Brockhoff,

Jakarta

Der Vorsitzende Richter klappt die 200 Seiten starke Mappe zusammen und schaut den angeklagten Abu Bakar Bashir an. Bashir lächelt milde. Er hat gerade sein Urteil gehört: „Vier Jahre Haft wegen Beteiligung an Hochverrat und wegen Dokumentenfälschung.“ Im Wechsel hatten der Richter und seine Beisitzer acht Stunden lang vorgelesen: Klageschrift, Zeugenaussagen, Urteil, Strafmaß. Danach sind alle im Saal verwirrt, niemand versteht das Urteil. „Was soll denn das heißen?", fragt ein indonesischer Prozessbeobachter. „Ein bisschen Hochverrat?" Der Staatsanwalt sagt, er könne noch nicht sagen, ob er Einspruch einlege oder nicht, er müsse nachdenken. Er hatte 15 Jahre gefordert. Bashirs Anwälte kündigen an, die Strafe anzufechten.

Bashir, so steht es in vielen Geheimdienstberichten und in der Klageschrift, soll der „Emir“, der geistliche Führer der südostasiatischen Terrorgruppe Jemaah Islamijah (JI) sein. JI soll Verbindungen zu Osama bin Ladens Al-Qaida-Netzwerk haben und die Bali-Anschläge sowie viele andere Terrorakte in Südostasien verübt haben. Der 65-jährige Bashir hält bin Laden und die Bali-Attentäter für „gute moslemische Kämpfer", er war kurz nach den Bali-Bomben verhaftet und später wegen Hochverrats angeklagt worden. Laut Staatsanwaltschaft wollte er mit einer Terrorwelle Indonesiens Regierung destabilisieren und stürzen – mit dem Ziel, einen islamischen Gottesstaat zu errichten.

Lebenslange Haft ist die Höchststrafe nach dem Subversionsparagrafen 107, der angewandt wurde. Es sei nicht bewiesen, dass Bashir geistlicher Führer der JI sei, sagt der Richter. Bashir sei nicht mit einem Plan in Verbindung zu bringen, die indonesische Präsidentin zu ermorden. Bashir habe auch nicht als Kopf einer Gruppe fungiert, die die Regierung stürzen wollte, er sei lediglich an einem solchen Plan beteiligt gewesen. „Da hatte jemand Angst“, sagt ein Sicherheitsexperte, der davon überzeugt ist, dass der nächste Anschlag in Jakarta kurz bevorsteht.

Bashir, lange Nachbar des jüngst gefassten Top-Terroristen Hambali, sagt immer wieder, dass die USA mit ihrem Geheimdienst CIA hinter den Bomben in Indonesien steckten. Als das Urteil verkündet ist, hält er eine kurze Rede – wie zu Beginn des Prozesses. Die Richter ließen ihn beide Male gewähren. „Vorsicht vor den Provokateuren aus den USA", sagt Bashir. Dann geht er zu den Staatsanwälten und schüttelt Hände, Gefängnisbeamte wollen ihn eigentlich abführen, trauen sich aber scheinbar nicht. Erst später fassen sie ihn vorsichtig an den Oberarmen an. „Allah ist groß!", brüllen seine Anhänger, 300 sind gekommen. Manche tragen islamische Kleidung, weite Gewänder am Körper und Kappen auf dem Kopf. Andere haben schwarze Westen an, auf denen „Mudschahedin" steht. Und einer trägt ein T-Shirt mit einem Bild darauf: Es zeigt Osama bin Laden.

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