Politik : Ein bisschen Legende

John Kerry versucht sich als neuer Kennedy zu profilieren – bislang springen die Wähler nicht darauf an

Matthias B. Krause[New York]

Von Matthias B. Krause,

New York

Das Bild ist längst ein Klassiker und hat sich als eine der besten Waffen im Wahlkampfarsenal erwiesen. John Kerry steht an Bord eines Schnellbootes, das irgendwo im Mekong-Delta treibt. Sein kantiges, langes Gesicht ist auch nach 35 Jahren auf den ersten Blick zu erkennen. Um den dürren Körper schlottert das olivgrüne T-Shirt, er steht etwas abseits von den Kameraden. Er wirkt ein bisschen steif, sehr ernst und sehr verloren.

Das leicht verwaschene Bild funktioniert auf zwei Ebenen. Zum einen wie ein Gegengift gegen das bunte Propagandamaterial, das Präsident George W. Bush über seine Truppenansprachen und auch in seinen gerade angelaufenen Wahlkampfspots verbreitet. Und zum anderen drängt sich sogleich eine Parallele auf. Gab es nicht schon einmal einen US-Präsidenten, der seine Kameraden in seiner Jugend durch die Gefahren eines Krieges führte? Genau, im Zweiten Weltkrieg kämpfte John F. Kennedy im Pazifik auf einem Patrouillenboot des Typs PT 109 gegen die Japaner.

Mit Bedacht versucht das Kerry-Wahlkampfteam, diese Ähnlichkeiten auszuspielen. Ein Buch, das die Kriegszeit des designierten Präsidentschaftskandidaten der Demokraten ausführlich schildert, erschien pünktlich im vergangenen Herbst: „Tour of Duty“ („Pflichttour“). Es gibt weitere Gemeinsamkeiten, auf die Kerry anspielt. Wie Kennedy ist er aufgewachsen als privilegierter Sohn einer reichen Ostküsten-Familie. Kerry hat sogar dieselben Initialen wie der legendäre JFK – Kerrys Mittelname ist Forbes, der Familienname seiner Mutter. Und natürlich ist er ein großer Verehrer des beliebtesten demokratischen US-Präsidenten aller Zeiten.

Doch so richtig kommt das Label „The new JFK“ bislang in den Vereinigten Staaten nicht an. Während im Ausland sich die Medien begierig darauf stürzen und das Etikett von England bis Asien in den Schlagzeilen auftaucht, will es an der Heimatfront nicht so recht haften. Kerry fällt es schwer, mit den Massen warm zu werden, und er hat bei weitem nicht das Charmepotenzial eines John F. Kennedy. Konservative Medien wie etwa das „Wall Street Journal“ titulieren den demokratischen Herausforderer gar als schlicht langweilig und machen sich über seinen Versuch lustig, von der enormen Aura zu profitieren, die den Original-JFK umgibt.

Er leide bereits an der JFK-Krankheit, schreibt die Kolumnistin Peggy Noonan im „Wall Street Journal“: „Ich frage mich, wie viel von Kerrys Karriere eine unreflektierte Meditation über das Leben von John F. Kennedy ist.“ In der Tat gibt es in der Geschichte der Demokratischen Partei eine ganze Reihe von Versuchen, den übergroßen Sohn der Partei zu imitieren. Bill Clinton war berüchtigt für seinen JFK-Komplex. Auf dem Parteitag 1992 im Madison Square Garden spielten die Strategen eine kurze Sequenz ein, die den Teenager Bill Clinton zeigt, wie er versucht, die Hand des großen JFK zu schütteln. Der Parteitag war wie elektrisiert.

Während Clinton allerdings zumindest zu Beginn seiner achtjährigen Amtszeit eine annähernd so große Begeisterung bei den Leuten auf der Straße hervorrief wie JFK, springen die jungen Mädchen bislang keineswegs wie angestochen von ihren Sitzen, wenn sie Kerry sehen. Gleichwohl bescheinigen die Beobachter dem 60 Jahre alten Senator von Massachussetts eine hohe Lernfähigkeit, auch was das Bewegen größerer Massen angeht. Und das JFK-Bild wirkt langsam, aber nachhaltig weiter, unterstützt von Sympathiebezeugungen der alten Kameraden, die in die Bresche springen. Es war einer der ersten großen emotionalen Momente in der Kerry-Kampagne, als er kürzlich in Waterloo (Iowa) mit Vietnamveteranen zusammentraf, von denen einige auf seinem Boot gedient hatten. Kurz danach schaltete der Kandidat 30-Sekunden-Werbespots, in denen Kerrys ehemaliger Kamerad Del Sandusky sagt: „Er hat einen unfehlbaren Instinkt und eine unangefochtene Führungskraft.“ Das klang dann doch wieder so, als würde jemand den „neuen JFK“ rühmen.

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