Politik : Ein bisschen Stimmung

Scherf hat ohne Schröder gewonnen. Nun hofft der Kanzler, dass etwas vom Glanz des Siegers auf ihn fällt

Robert von Rimscha

Henning Scherf wählte ein unhanseatisch-deutliches Wort. „Bescheuert“ wäre er ja gewesen, so sagte der wiedergewählte Bremer Landeschef am Montag, hätte er in seinem Wahlkampf nicht auf „eigene Themen“ gesetzt. Gerhard Schröder stand neben ihm und nickte.

Scherf war in die Hauptstadt gekommen, um sich feiern zu lassen. Seine SPD, froh über die gute Nachricht von der reibungslosen Wiederwahl, tat ihm gern den Gefallen. Schröder ließ es sich nicht nehmen, gemeinsam mit Scherf im Willy-Brandt-Haus vor die Presse zu treten. Auf dass vom Glanz des Siegers ein wenig auf ihn abfalle.

Was in der Scherf’schen Diktion die Vermeidung einer „bescheuerten“ Bundespolitisierung des Wahlkampfes war, umschrieb der Kanzler etwas vornehmer als „Erfolg des Differenzierungsvermögens der Menschen in Bremen“. Gemeint ist das Gleiche: Die Bürger der Hansestadt wählten Scherf und die SPD, obwohl Schröder und die SPD derzeit nicht so hoch im Kurs stehen. „Es zeigt sich, dass es möglich ist, in einer Landtagswahl auf die eigene Leistung zu setzen“, resümierte Schröder. „Das ist auch wünschenswert.“ Der Kanzler setzte noch drauf: „Jede Wahl zu einer vorgezogenen Bundestagswahl zu machen, das wird dem Prinzip des Föderalismus nicht gerecht.“

Nach so vielen Eingeständnissen, dass Scherf seinen Sieg nicht mit, sondern trotz des Kanzlers errungen hat, musste dann aber auch der SPD-Vorsitzende die Brücke zur Bundespolitik bauen. Was seine Reformpläne unter dem Motto 2010 angehe, so sei er sich „sicher, dass Henning Scherf die Agenda unterstützen wird“.

Scherf lehnte es zwar ab, das Hochgefühl seines Sieges nun für kluge Ratschläge zu missbrauchen. Schon gar nicht wollte der Bremer der Bundes-SPD seine große Koalition als Modell zur Lösung schwieriger Fragen aufdrängen. Seiner eigenen Partei im Bund und dem neben ihm stehenden Schröder hatte Scherf dann aber doch etwas mitzuteilen, was einem Ratschlag recht nahe kam. Scherf versuchte nämlich, im Rückblick das zu benennen, was sein Erfolgsrezept gewesen ist. „Miteinander umgehen“, „so nah wie möglich rangehen“: Das waren seine Begriffe für eine pragmatische, ortsnahe Politik der Mitte. „Es ist möglich, dass wir uns an der Basis verständigen“, versicherte Scherf.

Die Kommentatoren-These, er habe den Kanzler zur Sicherung seiner Wiederwahl regelrecht verstecken müssen, wollte Scherf nicht gelten lassen. „Wir wollten bloß, dass es keine schrille Konfrontation wird“, sagte Scherf über seinen Wahlkampf. Doch bei seinem einzigen Auftritt im Wahlkampf, dem Gespräch mit Gewerkschaftern, habe der Kanzler sehr ruhig über das Nötige sprechen können.

Betont locker gingen der Parteivorsitzende und sein einziger aktueller Wahlsieger miteinander um. Schröder machte es sichtbar Spaß, über Bremen zu reden. Weshalb er auch mehrere Fragen nach neu entflammten Krisenregionen wie Rot-Grün in Düsseldorf abwimmelte. Nein, der Kanzler wollte sich an den Bremer 42 Prozent laben. Zumindest einen Tag lang. Und daran glauben, dass stimmt, was SPD-Landeschef Detlev Albers für die Sozialdemokratie insgesamt in Anspruch nahm: Der Sonntag habe „ein Stück Stimmungswende für die ganze SPD“ gebracht.

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