Politik : Ein Buch für Deutschland

Schäuble hat geschrieben – und Fischer hat ihn wirklich gelesen

Stephan-Andreas Casdorff

Still sitzt er da, verzieht keine Miene, wirkt in sich gekehrt. Joschka Fischer redet, Wolfgang Schäuble schaut. Der Außenminister ist gekommen, um das neue Buch des Fraktionsvize der Union vorzustellen, „Scheitert der Westen?“, fragt es und hebt dabei ab zu einer mondialen Krisenbesichtigung. Schäuble folgt ihm – mit den Augen, nicht bei allen Inhalten. Das könnte ja auch sonst zum Sturz aus allen Hoffnungen führen …

Natürlich sind nicht alle wegen des „sehr lesenswerten Buches“ da, wie Fischer es freundlich bewertet. Die Bundespräsidentenfrage „steht nicht zur Debatte“, sagt der Außenminister vorab. Aber legt das Buch nicht doch vielleicht schon die Programmatik des nächsten Präsidenten nieder? Es ist vieles in einem: Im Buch geht es um Europa und die Welt, wofür Friedbert Pflüger in der Unionsfraktion spricht; es geht auch ums internationale Recht, was unter allen Zuhörern den Staatsrechtsprofessor und Christdemokraten Rupert Scholz besonders interessiert. Außerdem handelt es von Deutschland und seinen Herausforderungen, auch den sozialen, weshalb sich der Sozialdemokrat und Professor Richard Schröder selbst auf Krücken im „Aktionsraum“ des Berliner Museums für Kommunikation eingefunden hat. Über alles dies redet Fischer, spricht von seiner hohen Warte und ausführlich: gegen eine Stagnation in Deutschland, gegen Fehler im Umgang mit den USA, gegen die Notwendigkeit einer Werteordnung und Elitenbildung. Das mag der „notorische 68er“ gar nicht hören. Selbst Elite zu sein, ist Fischer erkennbar mehr wert.

Mindestens ebenso interessant sind aber die Nebenbemerkungen: dass „Konsense“ möglich seien bei der Frage, wie weit man Deutschland bewegen kann, „wie weit wir kommen, wird sich zeigen“. Und dass Schäuble verlassen wäre, wenn er sich auf ihn, Fischer, „als Wahlkampfhelfer“ verlassen wollte. „Ich wähl’ ihn nicht.“ Zum Bundespräsidenten, meint Fischer. Aus Rücksicht, wie es scheint: Schließlich sehen manche CDU-Abgeordnete die Union zwischen ihm und Schäuble sehr kritisch. Vor allem im Hinblick auf andere Hoffnungen.

Da lächelt Schäuble. Gebeten hat er Fischer nicht um einer schwarz-grünen Koalition willen, in welcher Frage auch immer, sondern weil er „kraft Amtes“ für die Außenpolitik zuständig sei, „ob er es gut macht oder schlecht“. Ein Schelm, der denkt, er hätte nur „Lobpreis“ erwartet: Demokratie lebe vom Widerspruch, „ein Pol ohne den anderen ist keiner“, sagt Schäuble. Allerdings sagt er das in einer Weise, dass es doch versöhnlich wirkt. Einig ist er sich mit Fischer in vielem, „einvernehmlich“ ist die Analyse, das weiß Schäuble selbst. Zum Beispiel in der Einschätzung, dass es „keiner Generation vor uns besser ging“, die „Einsicht in Reformen größer geworden ist“, keiner vor Veränderungen Angst haben müsse und wir „alle Chancen“ hätten.

Auch was kontrovers klingt, wird es nicht. „Ein Rücktritt ist mir lieber als sechs Drohungen“, sagt Schäuble, auf die aktuelle Lage bezogen, weil zuvor Fischer in die Vergangenheit blickte mit den Worten, dass weiland Kanzler Kohl von Zeit zu Zeit mit Rücktritt hätte drohen sollen, „dann wären wir heute weiter“. Selbst diese Bemerkungen geraten zum Geplänkel. Ob das nicht doch ein Wahlkampf sei? Er führe keinen, sagt Schäuble sehr betont. Und schaut ins Publikum, wo nickend Richard Schröder sitzt.

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