Politik : Ein Chef, der nie "richtig" gearbeitet hat

Alfons Frese

Der designierte DGB-Chef geht erstmal in Kur. Für vier Wochen zieht sich Michael Sommer zurück, um sich für den Job als Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes vorzubereiten. Schließlich "kann er sich ja auch noch nicht zum Tagesgeschäft äußern", sagt Sommer-Sprecherin Cornelia Berger. Denn erst Ende Mai wird der 50-jährige Politologe als Nachfolger Dieter Schultes (62) auf dem Kongress des DGB in Berlin gewählt. Am Dienstag, nach seiner Nominierung durch den DGB-Bundesvorstand, äußerte sich Sommer erstmals ein wenig programmatisch: Er steht zum Bündnis für Arbeit, will die "Meinungsführerschaft der Arbeitgeber" brechen und für eine "Renaissance des Politischen" werben.

Sommer ist einer von vier stellvertretenden Vorsitzenden der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. Zuvor war er Vize der Deutschen Postgewerkschaft, die 2001 in Verdi aufging. Da Verdi nun mit knappem Vorsprung vor der IG Metall die größte deutsche Gewerkschaft ist, fiel ihr das Recht zu, den DGB-Vorsitzenden zu stellen. Neu in den DGB-Bundesvorstand soll neben Sommer der IG-Metaller Dietmar Hexel (52) rücken. Das war eine Bedingung der IG Metall für die Nominierung Sommers. Wie hinter Gewerkschafterhänden getuschelt wird, soll Sommer Probleme mit seinem Gehalt als DGB-Chef haben. Denn da kriegt er genauso viel wie Vorgänger Schulte: Nach Angaben des DGB sind das 8133 Euro. Als Verdi-Vize kassiert Sommer derzeit 13 421 Euro - macht immerhin einen Unterschied von mehr als 5000 Euro. Offiziell, laut Sommer-Sprecherin Berger, hat der neue DGB-Boss jedoch kein Problem, denn "das Gehalt spielt eine eher untergeordnete Rolle".

In Gewerkschaftskreisen gilt der Diplompolitologe Sommer als durchsetzungsstarker Funktionär. Sommer wurde am 17. Januar 1952 in Büderich bei Düsseldorf geboren und wuchs in Berlin auf, wo er auch Politologie studierte. Er ist SPD-Mitglied, mit einer Journalistin und Autorin verheiratet und hat eine zwölfjährige Tochter. In den Gewerkschaftskreisen wird auch ein wenig abfällig bemerkt, dass der Akademiker und Funktionär nie "richtig" gearbeitet habe. Sommer gilt zwar als heller Kopf, aber auch als blasiert. Als vor einem Jahr die Verdi-Gründung in Berlin stattfand, wurde in einer kleinen Broschüre die neue Verdi-Spitze vorgestellt - Sommer allerdings nur auf der zweiten Seite. Dem Vernehmen nach soll dieser "Affront" gegen den damaligen Postgewerkschafts-Vize beinahe zum Auszug der Postler geführt haben.

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