• "Ein Drittel der Betreuung wird wegfallen" - VdK-Präsident Hirrlinger über das Pflegesystem und den Zivildienst (Interview)

Politik : "Ein Drittel der Betreuung wird wegfallen" - VdK-Präsident Hirrlinger über das Pflegesystem und den Zivildienst (Interview)

Die Pflegeversicherung steht angeblich vor einem M

Die Pflegeversicherung steht angeblich vor einem Milliardendefizit, der Zivildienst wird kräftig gekürzt - droht Deutschland ein Pflegenotstand?

Nein, zunächst würde ich das noch nicht sagen. Wir haben in der Pflegeversicherung derzeit noch Reserven in der Größenordnung von neun Milliarden Mark. Davon sind 4,5 Milliarden Mark als Rücklage anzusehen. Ich befürchte, dass nach dem Jahr 2005 die Finanzlage der Pflegeversicherung tatsächlich kritisch werden wird. Nicht alarmierend, aber kritisch. Sodass dann zwischen 2005 und 2010 erste Beitragsanhebungen notwendig werden. Aber man muss erstmal absehen, ob es sich wirklich so gravierend entwickelt. Das Problem ist allerdings, dass schon jetzt das Geld für genügend Fachkräfte für die Pflege fehlt.

Diese Lücke füllen in vielen Pflegeeinrichtungen ja bisher Zivildienstleistende. Was erwarten Sie, wenn deren Dienstzeit jetzt zum 1. Juli gekürzt wird?

Ich befürchte erhebliche Auswirkungen auf die Pflege von Behinderten, Alten und chronisch Kranken. Etwa ein Drittel der Betreuung durch Zivildienstleistende wird ab diesem Juli sukzessive wegfallen. Und die können auch nicht durch voll bezahlte Kräfte ersetzt werden, weil dann wegen der hohen Zusatzkosten wirklich die Pflegeversicherung zusammenbrechen würde.

Welche Leistungen werden wegfallen?

Es wird Eingriffe beim mobilen Dienst geben, bei der Beförderung von Behinderten und Kindern, in Krankenhäusern, Altersheimen und Behinderteneinrichtungen. In Altenpflegeheimen werden Ausflüge entfallen, es wird weniger Personal da sein, um ältere Menschen im Rollstuhl spazieren zu fahren, es wird schwieriger, Bewohner von Altenheimen zu Untersuchungen ins Krankenhaus zu fahren. Es gibt eine breite negative Entwicklung. Die Schönrederei des Bundesbeauftragten für Zivildienst ist unangemessen.

Welche weiteren Veränderungen erwarten Sie, wenn nach den Vorschlägen der Weizsäcker-Kommission langfristig die Wehrpflicht weiter reduziert wird?

Wenn die Zahl der Wehrdienstleistenden auf 30 000 reduziert wird, dann befürchte ich, dass das auch für den Zivildienst gravierende Folgen hat. Es muss eine ernsthafte Diskussion begonnen werden, ob wir nicht einen allgemeinen sozialen Dienst in Deutschland einführen sollten, um diese Lücke zu schließen. Junge Menschen sollten verpflichtet werden, ein soziales Dienstjahr zu leisten. Das wäre auch gesellschaftspolitisch vernünftig, weil die jungen Leute so eine andere Einstellung zum Leben bekommen. Es ist alles zu regeln, wenn man das politisch will. Die demographische Entwicklung erfordert schnelle Maßnahmen. Das Gespräch führte Lars von Törne

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