Politik : Ein einfaches Problem: Deutschland fehlen Informatiker (Kommentar)

Heik Afheldt

In Deutschland fehlen bis zu 100.000 Informatik-Fachleute. Firmen wie Debis, IBM, SAP und Siemens haben auf diesen gefährlichen Engpass schon vor Jahr und Tag hingewiesen. Er zwingt die Unternehmen dazu, wichtige Entwicklungsarbeiten, für die es hierzulande eigentlich beste Voraussetzungen gäbe, in andere Länder zu verlagern. Das Risiko, dass die deutsche Wirtschaft dadurch bei dem rasanten Marsch in die Internet-Wirtschaft den Anschluss verliert, müsste alle aufwecken.

Stattdessen entbrennt ein typisch deutscher Streit. Auf der einen Seite die Bildungsministerin Edelgard Bulmahn. Sie möchte den Firmen erlauben, so viele Fachkräfte aus dem Ausland anzuwerben, wie sie brauchen. Schwierig genug bei dem weltweiten Wettbewerb um IT-Fachleute. Auf der anderen Seite Walter Riester, besorgt um die hohe Arbeitslosigkeit. Seine Hoffnung: Aus dem Heer der Millionen von Arbeitslosen könnten genügend geeignete Menschen in kurzer Zeit "bedarfsgerecht" umgeschult werden. Hierzulande seien EDV-Experten arbeitslos (warum?) und auch viele andere taugten für die Jobs in der neuen Multimedia-Welt. Ein gefährlicher Prinzipienstreit. Umschulung ist gut. Die Erfahrungen mit den freigesetzten Bergarbeitern zeigen, dass unerwartete Erfolge möglich sind. Aber können die "Umschuler" mit dem Tempo der Entwicklung mithalten und schnell taugliche IT-Fachleute heranziehen? Die bisherigen Erfahrungen sind wenig verheißungsvoll. Jagoda, Chef der Bundesanstalt für Arbeit, kann diese Misere nicht verhindern - allenfalls lindern.

Deshalb hat Frau Bulmahn Recht. Deutschland muss schnellstens zu einem Einwanderungland für "IT-Genies" werden. Sie müssen weltweit gesucht und angeworben werden. Reine Zeitvergeudung, erst Arbeitsgruppen zu installieren, um einen genauen Überblick über den tatsächlichen Bedarf an EDV-Spezialisten zu bekommen. "Ohne dass ein konkreter Bedarf festgestellt wird", heißt es aus dem Riester-Haus, "werden wir die Bedingungen des deutschen Arbeitserlaubnisrechts nicht einfach über Bord werfen. Wer EDV-Spezialisten aus dem Ausland beschäftigen möchte, soll diesen Bedarf konkret nachweisen".

Ja, wo leben wir denn? In einer Welt, in der sich die Standorte weltweit um die besten Köpfe bewerben und Humankapital zur wichtigsten Ressource geworden ist oder in einer zentral verwalteten Wirtschaft, in der Bürokraten darüber befinden, "ob ein öffentliches Interesse an ausländischen EDV-Fachleuten" besteht? Wohin das führt? 1998 wurden ganze 581 Arbeitserlaubnisse an ausländische IT-Fachkräfte erteilt. Was für ein Hohn. Wenn es möglich wäre, sollten Zehntausende für eine Arbeit in Deutschland begeistert und gewonnen werden.

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