Politik : Ein erstes Mal

Von Malte Lehming

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Das Plötzliche frisst alle Planungen. Im Irak wurde am vergangenen Freitag eine Deutsche entführt. Es ist das erste Mal, dass eine Bürgerin dieses Landes zum Opfer der dort wütenden Erpresser wird. Das Bild der Frau zeigt ihre Not: Sie kniet, die Augen hat man ihr verbunden. Um sie herum stehen vermummte, bewaffnete Männer. Sie verlangen von der Bundesregierung, die Zusammenarbeit mit der irakischen Regierung einzustellen.

Ausgerechnet von uns, der Friedensmacht? Aber ja doch, Deutschland ist involviert. Als erster Nato-Staat hat Deutschland den Aufbau der irakischen Streitkräfte unterstützt. Die Bundeswehr bildet irakische Soldaten aus. Weil allerdings das Wort gelten soll, kein deutscher Soldat werde jemals im Irak eingesetzt, geschieht das in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Das wird oft vergessen. Außerdem kämpft die Bundeswehr in Afghanistan und am Horn von Afrika. Mehrere tausend Soldaten beteiligen sich am Kampf gegen den Terrorismus. Doch all das hat mit der Sache, der Entführung von Susanne Osthoff, nichts zu tun. Radikale Islamisten halten sich weder an naive Hoffnungen noch an erdachte Spielregeln. Jeder, der sie nicht unterstützt, ist ein potenzielles Opfer. Eine Schonzeit für neutrale Länder gab es nie. Im April 2002 wurden auf der tunesischen Ferieninsel Djerba 14 Deutsche in die Luft gesprengt. Auch in Kenia, Indonesien, Marokko oder Jordanien wüteten die Terroristen. Keines dieser Länder hat Truppen im Irak stationiert.

Für die Bundesregierung ist es ein Schock. Angela Merkel wollte sich in Ruhe auf ihren großen Auftritt an diesem Mittwoch konzentrieren, auf ihre erste Regierungserklärung. Die Geiselnahme diktiert es anders, die Kanzlerin muss die erste Krise ihrer Amtszeit bewältigen. Erinnerungen an den Anfang von Rot-Grün werden wach. Gerhard Schröder und Joschka Fischer übernahmen praktisch das Mandat zum Kosovokrieg von der Vorgängerregierung. Auch sie mussten sich bewähren. Diese Dimension hat der Entführungsfall Osthoff zwar nicht. Doch auch auf Angela Merkel könnten fundamentale Entscheidungen zukommen. Sie muss ein Menschenleben retten, darf aber nicht erpressbar sein. Sie muss Präsenz zeigen, darf aber nicht aktionistisch wirken. Bislang hat sie die Balance gut gehalten.

Fernab, in den USA, ist der neue deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier zum Antrittsbesuch. Im Gepäck hat er einige delikate Fragen wegen angeblicher CIA-Gefängnisse in Europa, in denen angeblich gefoltert wird. Die Geiselnahme ändert auch seine Rolle: Vorrangig tritt er nicht mehr als kritischer Partner auf. Er ist nun ein Außenminister, der dringend Hilfe braucht. Weil Deutschland keine Truppen im Irak hat, fehlen Berlin jene Kanäle, durch die sich mit den Entführern kommunizieren ließe. Die deutsche Botschaft in Bagdad hat nur eine Rumpfbesetzung. Ohne die Amerikaner, ihre Netzwerke und Kontakte, läuft nichts im Irak.

Schon einmal stand die 43-jährige Susanne Osthoff offenbar im Visier einer irakischen Al-Qaida-Gruppe. Damals war sie von US-Soldaten in Sicherheit gebracht worden. Diesmal hatte sie keinen Schutz. Das wurde ihr zum Verhängnis. Als Frau mit besten Ortskenntnissen, die fließend Arabisch spricht, wird sie geschildert. Und als Frau mit einem riesengroßen Herz. Vielleicht war es zu groß, um sich in einem Land mit allgegenwärtigen Gefahren behaupten zu können. Hilfe braucht Helfer, für die Vorsicht keine Feigheit ist. Doch jedes Hätte, Wäre, Könnte verbietet sich. Schuldig an dem Leid der entführten Frau sind allein die, die es ihr zufügen. Vor zwei Jahren war Susanne Osthoff ein Preis für Zivilcourage verliehen worden. Jetzt wird ihr ein schier übermenschliches Maß an Tapferkeit abverlangt.

Heute wird Angela Merkel ihre erste Regierungserklärung abgeben – die Rede vor dem Parlament wird von der Geiselnahme überschattet. Der Gang zum Rednerpult dürfte ihr bislang schwerster sein. Nicht mehr nur der Inhalt muss überzeugen, sondern vor allem der Ton muss stimmen: Eine Kanzlerin weist dem Land in der Krise den Weg.

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