Politik : Ein Exzentriker nimmt seinen Hut US-Finanzminister O’Neill tritt

auf Wunsch des Präsidenten zurück

Friedemann Diederichs[Washington]

Von Friedemann Diederichs,

Washington

Wie viel Widerspruch kann sich ein Finanzminister erlauben, bis dem Regierungschef der Kragen platzt? Seit Freitag weiß Paul O’Neill eine Antwort auf diese Frage. Die schillerndste Figur im US-Kabinett folgte dem drängenden Wunsch des Präsidenten und kündigte am Freitag in einem Schreiben den Rücktritt an.

Gleichzeitig wird auch Larry Lindsey, seit dem Amtsantritt George W. Bushs dessen Wirtschaftsberater und mit O’Neill in einem Dauerstreit über den künftigen Kurs, seinen Hut nehmen.

Angesichts steigender Arbeitslosigkeit, einer schwachen Börse und einem schwächelnden Dollar hat Bush zu einem Befreiungsschlag ausgeholt, bei dem er sich gleichzeitig mit der Person O’Neills eines unbequemen Mitstreiters entledigt, der alles andere als konform auftrat und sich als Exzentriker profilierte. An der Seite von Bono Vox, Sänger der Popgruppe U2, reiste er durch Afrika, um auf die Probleme der Entwicklungsländer aufmerksam zu machen. Die Steuergesetze nannte O’Neill, der für den Kabinettsposten sein Amt als Vorstandschef des weltweit größten Aluminiumherstellers Alcoa aufgegeben hatte, „Hühnermist“. Börsenhändler an der Wall Street bezeichnete er als „Menschen vor grünen Bildschirmen, die man besser nicht bei komplexen Problemen zu Rate zieht“. Für Verwirrung an den Finanzplätzen sorgten auch widersprüchliche Aussagen des 67-Jährigen, der nach dem 11. September 2001 zunächst verkündet hatte, der Dow Jones-Aktienindex werde innerhalb von zwölf bis 18 Monaten neue Rekordhöhen erreichen. Als die Kurse einbrachen, tröstete O’Neill die Investoren mit dem Satz: „Märkte gehen eben rauf und runter“.

Finanzspritzen für Russland seien „verrückt“, war eine wenig diplomatische Standardbemerkung O’Neills, der auch die Umweltpolitik Bushs’ in Frage stellte. „Der Präsident genießt seinen offenen Denkansatz,“ verteidigte Regierungssprecher Ari Fleischer immer wieder die verbalen Hüftschüsse des Querdenkers – das gilt jetzt nicht mehr.

Für Bush sind mit dem baldigen Rücktritt von O’Neill und Chefberater Lindsey die Personalprobleme im Wirtschafts- und Finanzbereich eskaliert: Nach der Demission von Börsen-Aufsichtschef Harvey Pitt, einem Bush-Zögling, hat er drei vakante Positionen an wichtigen Regierungs-Schaltstellen zu besetzen – aber kaum geeignete Kandidaten.

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