Politik : Ein falsches Spiel

DER FUSSBALL-SKANDAL

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Von Sven Goldmann

Skandal! Welcher Skandal? Zwei wohlhabende Fußballvereine aus der wohlhabenden Stadt München haben sich zusammengetan, um ein Stadion zu bauen. Der eine verrät einer Baufirma, was die beiden Klubs im Maximalfall ausgeben wollen und schanzt dieser Firma anschließend den Auftrag zu. Das Stadion wird ein bisschen teurer, die beiden wohlhabenden Klubs müssen ein bisschen mehr Geld ausgeben, aber die öffentliche Hand wird nicht geschädigt. Warum also die ganze Aufregung?

So argumentiert, wer Ruhe haben will. Doch bei der moralischen und juristischen Ahndung einer Straftat ist es irrelevant, wer der Geschädigte ist. Dies gilt auch bei diesem ersten großen Korruptionsfall der Berliner Republik, der interessanterweise nicht in der deutschen Hauptstadt spielt, sondern in der bayerischen, die beim Bundestagswahlkampf vor zwei Jahren doch immer so etwas war wie der Gegenentwurf der Opposition zum Moloch Berlin.

Es kommt nicht von ungefähr, dass Edmund Stoiber jeden Kommentar ablehnt zu dem, was die Münchner Staatsanwaltschaft in diesen Tagen beschäftigt.

Nun wäre es billig, den Korruptionsskandal von München abzutun als lokale Eigenart der Hauptstadt der Amigo-Wirtschaft. Es geht um mehr, um das finanziell und logistisch gigantische Projekt Fußball-Weltmeisterschaft 2006. Es war naiv anzunehmen, dass dieses Projekt keine kriminelle Energie wecken würde, und es wäre naiv zu glauben, dass München die große Ausnahme ist. Niemand weiß, was in naher oder ferner Zukunft in WM-Städten wie Berlin, Köln oder Hamburg herauskommen wird. In München wird ermittelt, weil es der Staatsanwaltschaft nicht besonders schwer gemacht wurde. Immerhin hat der offensichtlich Hauptverantwortliche als Strohmann für den Zahlungsverkehr einen alten Schulfreund ausgewählt. Ist das nun Dummheit, Chuzpe – oder System? Laufen solche Sachen immer so?

Erfolgreiche Lobbyarbeit muss nicht kriminell sein, sie überschreitet nie die Grenze zwischen moralischer und juristischer Anfechtbarkeit. Der Münchner Franz Beckenbauer hat das in Vollendung demonstriert bei der Bewerbung um diese Fußball-Weltmeisterschaft. Deutschland bekam den Zuschlag im Jahr 2000 nicht allein, weil es eine perfekte Bewerbung vorgelegt, die beste Infrastruktur geboten und den größten Gewinn versprochen hatte. Entscheidend waren Beckenbauers perfekte Kontakte zur Fußball- und Finanzwelt. England hat den Deutschen damals vorgeworfen, sie hätten die WM gekauft. Das ist nicht ganz von der Hand zu weisen ob der wundersamen Investitionen, die die deutschen WM-Sponsoren auf einmal vornahmen in den Ländern derer, die über die WM-Vergabe zu entscheiden hatten. Dafür sind die Deutschen hier und da angefeindet, aber auch bewundert worden. Es ist eben nicht verboten, den FC Bayern München zu einer kostenlosen Gastspielreise nach Afrika zu schicken, und auch der Bau von Fabriken in Südostasien lässt sich noch mit jedem Gesetzeswerk in Einklang bringen.

Jetzt aber gibt es einen Sündenfall, ausgerechnet in München, der Heimat des Franz Beckenbauer. Nach dem jetzigen Wissensstand ist beim Bau der Arena gegen Gesetze verstoßen worden. Die WM-Organisatoren werden damit leben können: Das Münchner Stadion wird rechtzeitig fertig, die WM wird wie geplant stattfinden.

So gering der materielle Schaden ist, so groß könnte der ideelle sein. Die Deutschen haben die Grauzone zwischen moralischen und juristischen Verfehlungen verlassen. Das wird Auswirkungen haben – nicht nur auf die Fußball-WM 2006, sondern vor allem auf das nächste Jahrhundertprojekt des deutschen Sports, die Olympischen Spiele 2012. Was hilft den Olympiamanagern in Leipzig die interne Umstrukturierung, die öffentlich beteuerte Abkehr von den Skandalen der jüngsten Vergangenheit? In Deutschland mag die Korruptionsaffäre um das WM-Stadion ein Münchner Skandal sein, im Ausland ist es ein deutscher. Leipzigs Chancen, im Mai überhaupt die erste Runde der Olympiaausscheidung zu überstehen, sind nach den Münchner Enthüllungen auf ein Minimum gesunken. Wer zweimal lügt, dem glaubt man nicht.

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