Politik : Ein gefährlicher Bestseller

Thomas Seibert

Wenn ein Buch für Aufsehen sorgt, ist das auch in der Türkei gut für die Auflage. "Es läuft nicht schlecht", sagt ein Sprecher des Istanbuler Aram-Verlages über den Titel "Amerikanische Intervention" des US-Wissenschaftlers Noam Chomsky. Die Art und Weise, wie die türkische Ausgabe des Buches Furore gemacht hat, ist dem Verlag allerdings weniger lieb. Kaum war das Buch im Herbst vergangenen Jahres in der Türkei auf dem Markt, da wurde auch schon die Staatsanwaltschaft aktiv. Vor dem für schwere politische Straftaten zuständigen Staatssicherheitsgericht in Istanbul reichte sie Anklage wegen "separatistischer Propaganda" ein. Chomsky selbst reiste eigens für den Prozess nach Istanbul - und siehe da: Die sonst nicht gerade für ihre Milde bekannten türkischen Richter sprachen den Verleger des prominenten Wissenschaftlers am Mittwoch nach kurzer Verhandlung frei.

Der Istanbuler Staatsanwalt Bekir Rayif Aldemir wollte den Nachweis führen, dass in einigen Passagen von Chomskys Buch Werbung für die Sache der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) gemacht wird. Chomsky schreibt in der fraglichen, auf einen Vortrag basierenden Passage, dass die Kurden in der Türkei schon immer unterdrückt würden und dass der lange Krieg im türkischen Südosten von Ankara losgetreten worden sei. Zudem wirft er den türkischen Behörden ethnische Säuberungen vor.

Für türkische Verhältnisse ist das starker Tobak. Staatsanwalt Aldemir zögerte deshalb nicht, den Chef des Aram-Verlages, Fatih Tas, unter den Anti-Terror-Gesetzen anzuklagen, die eigens zur Bekämpfung der PKK eingeführt wurden. Da sich türkische Staatssicherheitsgerichte bei Fällen mutmaßlicher PKK-Propaganda normalerweise den Vorwürfen der Anklage anschließen, war der Fall eigentlich klar. Bei einer Verurteilung hätte Tas mit drei Jahren Haft rechnen müssen.

Für die Anklage hatte die Sache aber einen Haken, und der Haken hieß Noam Chomsky. Der 73-jährige Professor an der amerikanischen Elite-Hochschule MIT, der in den fünfziger Jahren als Sprachwissenschaftler mit einer revolutionären Sprach-Theorie bekannt wurde, widmet sich seit Jahren kritisch der amerikanischen Außenpolitik und ist ein streitbarer Zeitgenosse.

Chomsky brandmarkte die Anklage gegen den türkischen Verleger seines Buches als "schweren Angriff auf die elementarsten Menschen- und Bürgerrechte". Bekannte türkische Intellektuelle und Journalisten begleiteten Chomsky am Mittwoch demonstrativ zum Gericht. Offenbar spielte der so erzeugte öffentliche Druck bei der Urteilsfindung eine Rolle. Anders als bei vergleichbaren Fällen entschieden die Richter schnell, es gebe keine Anhaltspunkte für eine Straftat.

Nach dem Freispruch äußerte Chomsky die Hoffnung auf mehr Meinungsfreiheit in der Türkei, ist damit aber nicht zufrieden. Er will auch den kurdischen Südosten besuchen und dort mit kurdischen Aktivisten sprechen, um, wie er sagt, "das Maß an Freiheit in der Türkei zu testen". Weniger bekannte Besucher riskieren bei solchen "Tests" eine Festnahme, vor allem wenn sie wie Chomsky ankündigen, den Ort "brutaler Unterdrückung" in Augenschein nehmen zu wollen. Der Freispruch für Verleger Tas zeigt aber, dass die Behörden bei einem weltberühmten Wissenschaftler durchaus in der Lage sind, die engen Grenzen der Meinungsfreiheit kurzfristig zu erweitern.

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