Politik : Ein Glaube, der ansteckt

Von Martin Gehlen

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Sie haben Benedikt XVI. in sein Amt getragen. Spektakulärer und festlicher hätte sich der 78jährige Papst den Auftakt für sein Pontifikat nicht wünschen können als durch die eine Million Pilger auf dem Kölner Weltjugendtag. Christliche Großtreffen auf deutschem Boden – für den langjährigen Kurienkardinal Joseph Ratzinger war das bislang nie mehr als ein Sich-Selber-Feiern und Genießen. Als Papst jedoch hat sich der prinzipienstrenge Deutsche nun anstecken lassen von den Feiern und Gesängen, der Freude und Frömmigkeit.

Erst zögernd und tastend, dann aber immer kräftiger traten in den vier Tagen am Rhein die wachen und warmen Züge seines Wesens zutage. Und er versuchte erst gar nicht, seinen Vorgänger Johannes Paul II. zu imitieren: kein Bodenkuss, keine ausladenden Gesten, kein Auftritt wie ein routinierter Medienstar. Jedes Wort seiner Predigten las er vom Blatt ab, auch ging so manche fein ziselierte theologische Passage über die Köpfe der Zuhörer hinweg. Und trotzdem kam Benedikt XVI. beim katholischen Nachwuchs an. Denn er blieb bei sich, wirkte aufmerksam, zugewandt, glaubwürdig.

Insofern war das Kölner Weltjugendtreffen mehr als ein oberflächliches, geschickt inszeniertes Happening mit einem Pontifex als Popstar. Abseits der Gesänge und Hochrufe waren viele der jungen Pilger gekommen, weil sie nach Innerlichkeit suchen und sich wieder für die zentralen Fragen des Glaubens interessieren: die Botschaft der Bibel, das Streben nach Gerechtigkeit, das Gebet, die Stille und die Einkehr. Das gilt für die bisweilen als ultrafromm belächelten Mitglieder der neuen geistlichen Bewegungen ebenso wie für organisierte Jugendliche diözesaner Verbände.

In beiden Gruppen ist eine junge Generation herangewachsen, die nicht mehr in den Kategorien von „fromm und rechts“ oder „kritisch und links“ denkt, sondern sich stärker auf den religiösen Kern ihres Christseins besinnt. Anders als bei ihren Eltern gehören für sie Zölibat, Frauenpriestertum und Demokratisierung nicht mehr zu den primären Forderungen an die Gestalt der Kirche. Anders als ihre Eltern sind sie nicht mehr bereit, sich an dogmatischen Blockaden aufzureiben. Wir sind das Kirchenvolk – das praktizieren sie ganz selbstverständlich und auf ihre Art. Und sie nehmen sich das Recht, einfach wegzuhören und wegzusehen, wenn die Kirche es mit ihren Moralregeln zu streng treibt.

Benedikt XVI. vermied es daher, die jungen Massen mit seinen Ansichten zur Sexualmoral zu konfrontieren – das hätte leicht die Stimmung verderben können. In diesem Punkt ist der Draht zwischen der katholischen Hierarchie und dem gläubigen Nachwuchs wohl weitgehend abgerissen. Der christlichen Lebendigkeit an der Basis tut dies keinen Abbruch. Freundliche Toleranz ersetzt prinzipielle Diskussionen. Und viele junge Christen schätzen die Kirche als ein weltumspannendes Lebenshaus Gleichgesinnter, in dem es sich lohnt mitzumachen.

Köln hat gezeigt: Die Attraktivität und globale Integrationskraft der katholischen Kirche ist nach wie vor groß. Das Papstamt bildet dabei einen unersetzlichen Kristallisationskern, doch Einsatzwille, christlicher Idealismus und religiöse Vitalität wachsen an der Basis. Nach wie vor verfügt die Kirche über eine beträchtliche innere Substanz – vor allem in Südamerika, Afrika und Asien. Auch der deutsche Katholizismus, oft gelähmt und grüblerisch, ist in Köln über sich hinausgewachsen. Die frische Brise Weltkirche hat ihm gut getan.

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