Politik : Ein Glücksfall trotz "Jugendsünden"

RALPH SCHULZE

Javier Solana (56), dem Generalsekretär der NATO, kann man nicht den Vorwurf machen, er sei ein Militarist.Im Gegenteil: Konservative US-Kongreßabgeordnete warfen dem spanischen Sozialisten noch 1995 vor, als er gerade für das hohe Amt nominiert worden war, er sei ein "Feind der NATO".Mit geballter Faust sei er Anfang der 80er Jahre gegen das westliche Militärbündnis - und noch schlimmer - gegen die US-Basen in Spanien auf die Straße gegangen.

Damit lag Solana damals ganz auf der Linie seiner seit Herbst 1982 regierenden Sozialistischen Partei, die sich mit dem NATO-Beitritt Spaniens lange Zeit nicht anfreunden konnte.Wegen seiner "Jugendsünde" war Solana, seit 1992 spanischer Außenminister, nicht die erste Wahl für diesen höchsten zivilen NATO-Job, sondern ein Kompromißkandidat.Er profitierte von einer Notlage: Der belgische Amtsinhaber Willy Claes war gerade über eine Schmiergeldaffäre gestolpert; keiner der beiden offiziellen Nachfolge-Kandidaten - der Niederländer Ruud Lubbers und der Däne Uffe Ellemann-Jensen - waren mehrheitsfähig.Die Balkankrise brodelte auch damals schon und erlaubte kein langes Vakuum an der NATO-Spitze.

Für Solana sprach damals, daß er und seine sozialistische Partei binnen zehn Jahren eine glaubwürdige Läuterung in Sachen NATO durchgemacht hatten.Solana hatte sich in seinem Außenministeramt als besonnener, geschickter und weltgewandter Diplomat bewährt, Spanien mauserte sich in den 90er Jahren unter der linken Regierung González zu einem treuen Bündnispartner.Bei allen militärischen Friedensmissionen dieses Jahrzehnts war Spanien dabei.

Der ehemalige Physikprofessor, der in den USA studiert und gelehrt hat, enttäuschte das Vertrauen der Allianz nicht und wird heute innerhalb der NATO als Glücksfall geschätzt.Zu seinen großen Verdiensten zählt zweifelsfrei die Neuorientierung der NATO Richtung Osten unter dem Stichwort "Partnerschaft für den Frieden" sowie die Beitrittsverhandlungen mit Polen, Ungarn und Tschechien.Wenn seine Amtszeit Ende des Jahres ausläuft und nicht verlängert wird, warten auch in Spanien Herausforderungen auf den krisengestählten Feuerwehrmann.Seine Partei, inzwischen in der Opposition, könnte ihn dann zu ihrem Zugpferd küren, was die Chancen, wieder an die Macht zu kommen, erheblich steigern würde.

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