Politik : Ein Heidenspaß

Köln blickt frohlockend auf den Weltjugendtag – Kirchenkritiker bieten ein Gegenprogramm in „religionsfreien Zonen“

Michael Schmidt

Berlin - Sage noch einer, Gott habe keinen Sinn für Ironie: Da musste erst Papst Benedikt XVI. sein Kommen zum Weltjugendtag (WJT) in Köln zusagen, damit den Kirchenkritikern um Michael Schmidt-Salomon die Aufmerksamkeit zuteil wird, die sie sonst so vermissen. Der Philosoph und Organisator des „Heidenspaß-Komitees“ nimmt’s mit Humor. Wenn ab Montag hunderttausende Pilger aus aller Welt in der Domstadt ihren Glauben feiern, bietet der Geschäftsführer der Giordano-Bruno-Stiftung „allen WJT- Flüchtlingen“ inmitten der katholisch geprägten Millionenstadt „Asyl in unserer religionsfreien Zone“.

Schmidt-Salomon hat eine Gruppe religionskritischer Rheinländer um sich versammelt, die dem katholischen Mega-Ereignis mit einer Reihe von Veranstaltungen unter dem Motto „Heidenspaß statt Höllenqual“ begegnen will. „Wir wollen den Werten des Humanismus und der Aufklärung mehr Durchlagskraft verleihen, aber wir halten es dabei mit Epikur“, sagt Schmidt-Salomon, „wir wollen Freude im Diesseits genießen, statt auf fragwürdige Genüsse im Jenseits zu spekulieren.“

Dabei darf es, man ist ja in Köln, durchaus karnevalistisch zugehen. Der Bildhauer Jacques Tilly zum Beispiel, Chefwagenbauer des Düsseldorfer Rosenmontagszuges – er ließ schon Angela Merkel in den Allerwertesten von „Uncle Sam“ kriechen – hat für den WJT ein Motiv-Vehikel geschaffen, das ab Montag durch die Straßen Kölns rollen soll: mit einem lächelnden rosa Saurier, mehreren weißen Schäfchen und einem schwarzen, das von der Herde wegrennt. „Wir wollen zeigen, dass die Kirche ein wandelndes Fossil ist“, sagt Schmidt-Salomon. „Die Aufklärung hat dem Saurier zwar die Zähne gezogen, Stichwort Menschenrechte, Demokratie – aber das gefährliche Urtier steckt da noch drin.“

So spaßig die Aktionen daherkommen – geplant sind neben Vorträgen und Filmabenden eine Kirchenaustritts- und eine „Enttaufungszeremonie“ – so ernst ist den Organisatoren ihr Anliegen. „Wir haben es mit einer halbierten Aufklärung zu tun: Technologisch leben wir im 21. Jahrhundert, aber unsere Weltbilder entspringen einem Kinderglauben“, sagt Schmidt-Salomon, „Wir verhalten uns wie Fünfjährige, denen die Verantwortung für einen Jumbojet übertragen wurde – das ist fatal.“ Was tun? Schmidt-Salomon redet einer strikteren Trennung von Staat und Kirche das Wort. Es könne nicht sein, „dass in einem Staat wie Deutschland, wo mehr Konfessionslose als Katholiken leben“, die öffentliche Hand einen Großteil der 100-Millionen-Euro-Kosten „für diese Mammut-Missionierungsparty“ trage. Der Vatikan sei Gastgeber, steuere aber keinen Cent bei. „Das ist empörend“, findet Schmidt-Salomon. Und wirbt jetzt eine Woche um Mitkämpfer für sein „Programm der humorvollen Aufklärung“.

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