Politik : Ein Hühne als Premier: Pragmatiker und Überlebenskünstler

Doris Heimann

Russlands Ministerpräsident Michail Kasjanow überragt Kreml-Chef Wladimir Putin um mehr als einen Kopf. Und doch ist der hünenhafte Premier, der am heutigen Freitag zum erstenmal Deutschland einen offiziellen Besuch abstattet, hinter der dominanten Figur von Russlands energiegeladenem Präsidenten bislang kaum in Erscheinung getreten. Auch nach acht Monaten im Amt gilt der 42-jährige Kasjanow auf der internationalen politischen Bühne als so gut wie unbekannt. Seine Vorgänger hatten es leichter: Ein zunehmend seniler Boris Jelzin gab ihnen die Chance, sich schnell als Akteure zu profilieren und staatsmännische Aufgaben zu übernehmen, die sonst dem Präsidenten vorbehalten waren - so lange, bis es dem greisen Staatsoberhaupt wieder einmal gefiel, sie in seinen gefürchteten Personalrochaden aus dem Amt zu jagen.

Am längsten auf dem Schleudersitz hielt sich Wiktor Tschernomyrdin. Als der nach mehreren Amtsjahren 1998 plötzlich gehen musste, wurde sein Abschiedssatz in Russland zum geflügelten Wort: "Wir wollten es besser machen, aber es kam wie immer." Besser machen als Tschernomyrdin sollte es dann der junge Sergej Kirijenko, von russischen Medien schnell als "Kinderüberraschung" verspottet. Es folgten Ewgenij Primakow, Sergej Stepaschin und zuletzt Wladimir Putin - alle drei ehemalige Geheimdienstchefs. Mit Michail Kasjanow steht nun zum ersten Mal nach längerer Zeit kein ehemaliger KGB-Agent, sondern ein Wirtschaftsfachmann an der Spitze des russischen Kabinetts. Putin braucht ihn: Von Wirtschaftsfragen versteht er selbst nicht allzu viel.

Deshalb setzte Putin gleich nach seiner Amtseinführung im vergangenen Mai den damaligen Finanzminister Kasjanow als geschäftsführenden Ministerpräsidenten ein - wenig später wurde er mit außergewöhnlich großer Mehrheit von der Duma bestätigt. Seitdem erledigt der reformorientierte Technokrat Kasjanow seine Arbeit ohne viel Lärm, aber durchaus nicht ohne Erfolg. Der Finanzexperte hat ganz offensichtlich keinerlei Ambitionen, eine unabhängige Politik gegenüber Putin zu betreiben - vermutlich qualifizierte ihn auch das für den Posten des Premiers. Ähnlich wie der 47-jährige Putin gilt Kasjanow als Vertreter einer neuen Politikergeneration in Russland. Der Sohn eines Mathematiklehrers und einer Angestellten der Baubehörde machte unerwartet schnell Karriere: Nach dem Diplom als Bauingenieur arbeitete er zunächst für die staatliche sowjetische Planungsbehörde Gosplan. Später leitete er die Abteilung für Auslandskredite und -schulden beim Finanzministerium, wurde dort 1999 Minister.

In westlichen Finanzkreisen genießt Kasjanow einen guten Ruf. Seit er 1999 in Verhandlungen mit den im "Londoner Club" vereinten privaten Gläubigerbanken erreichte, dass Russland ein Großteil seiner Auslandsschulden erlassen wurde, ist er dort als "Mr. Debt" bekannt. Einen weitaus weniger schmeichelhaften Spitznamen verpassten ihm russische Medien, die nach Kasjanows Ernennung zum Premier alte Korruptionsvorwürfe neu aufwärmten: Demnach soll Kasjanow bei Schuldenverhandlungen eine "Apanage" für sich abgezweigt haben, was ihm den Namen "Mischa-Zwei-Prozent" einbrachte. Nach Darstellung russischer Medien ist Kasjanow auch zwei der umstrittenen Finanzoligarchen verpflichtet: Dem Auto- und Medienmagnat Boris Beresowskij und dem im Öl- und Aluminiumgeschäft tätigen Roman Abramowitsch. Seit kurzem kursieren Gerüchte, Putin wolle seinen Premier ablösen. Bei der kurzen Verweildauer der fünf Vorgänger Kasjanows - nur Tschernomyrdin schaffte es, länger als ein Jahr im Amt zu bleiben - ist das aber wenig verwunderlich.

Zu den Erfolgen des Pragmatikers gehören unter anderem die Stabilisierung des Rubels, der Anstieg der Industrieproduktion und eine weitgehende Erfüllung des Etats. Auch die Gehälter der Staatsbeschäftigten werden wieder pünktlich gezahlt. Bis zum Ende des Jahres rechnet Russland immerhin mit einem Wirtschaftswachstum von sechs bis sieben Prozent. Von seinen Gesprächen in Berlin erhofft sich Kasjanow auch, dass er die deutsche Regierung zu Maßnahmen motivieren kann, die Investoren ermutigen sollen, in Russland ihr Geld anzulegen.

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