Ein Imam spricht Tacheles : Von faulen Arabern und fleißigen Zionisten

Ein Imam stänkert gegen Araber – und das halbe Internet flippt aus. Mehr als 2,5 Millionen klickten die Video-Predigt allein auf Facebook, die allermeisten User zollen Imam al-Qaradawi Respekt. Dabei ist das kalter türkischer Kaffee. Eine Polemik.

von
Und dann muss er auch noch die Zionisten erwähnen: Tele-Imam Jussuf al-Qaradawi.
Und dann muss er auch noch die Zionisten erwähnen: Tele-Imam Jussuf al-Qaradawi.Foto: Screenshot Youtube

Die Sensations-Predigt, die Scheikh Jussuf al-Qaradawi schon im April 2005 in Kuweit hielt, ist schnell auf den Punkt gebracht:

Deutsche: Gut weil gut Arbeit. Araber: Nix gut weil nix Arbeit.  

Sogar die Spanier seien viel erfolgreicher als alle Araber zusammen. Wie kann das nur sein? Fragt der Imam aufgeregt und macht die faulen Araber selbst zu den Schuldigen.

Mich erreichte das Qaradawi-Video mehrfach auf verschiedenen Wegen. Es tauchte auf meinen Timelines auf, Kollegen sprachen mich deswegen an, ich las sogar in der Zeitung darüber.

Das neue an diesem Video – ich schwöre bei Allah – sind allerdings nur die englischen Untertitel. Fragt egal welchen Araber auf der Straße, der wird das bestimmt bestätigen. Denn wer schon mal in einer Moschee oder Koranschule zwischen Casablanca und Bagdad saß, der weiß: irgendwann wird der bärtige Imam da vorne sagen, dass Araber scheiße sind und dass Deutsche schöne Autos bauen. Die Robustheit eines „Mircidis“, das fasziniert die Menschen in Arabien halt sehr. Dann nicken die Gläubigen meistens brav und gehen zurück ins Bettchen – zumindest wenn die Logik von Jussuf al-Qaradawi und seinen 1000 und eine Million Kollegen stimmt.  

 

Araber arbeiten nicht, meint also nicht nur der Tele-Imam. Ja und? Dafür kaufen ihre Scheikhs defizitäre Airlines aus Berlin, mieten die Champs-Elysée für ihre Pferderennen oder träumen von einem friedlichen Zusammenleben in Andalusien. Und die armen Schlucker unter den Arabern? Die machen es sich natürlich in den Sozialämtern und Flüchtlingsheimen des Abendlandes gemütlich. Das läuft doch bei den Anhängern vom Propheten Mohammed so, oder? Das halbe Internet ist sich da einig, weil das ja auch nur die Muslime unter den Arabern betrifft.

So sind sie, diese Semiten

Fleiß verlernt man kollektiv, wenn man Jahrzehnte unter Kolonialmächten leben muss. Letzte Woche meinte ein Marokkaner zu seinen Freunden unter der angenehmen Nachmittagssonne Nordafrikas: „Selbst in Südamerika sind sie viel weiter.“ Dann entbrannte unter den Kumpels, die auf einer Parkbank saßen und auf eine Mauer starrten, ein Streit: Ob das Dilemma nun an der postkolonialen Weltkonstellation, an den korrupten Eliten, an den gewalttätigen Diktatoren oder doch an der Faulheit der Araber liege. „Gegen Ausschlafen habe zumindest ich nichts“, sagte einer der arbeitslosen jungen Araber. Humor, den man in der ersten Welt und vom Predigtstand aus nicht versteht.

Aber bei einem schlechten Witz kann es natürlich nicht bleiben: Der Qaradawi ist nämlich zusätzlich noch ein kleiner Antisemit. Und so muss er seine bei Deutschen beliebte Predigt natürlich mit einer Frage beenden: Warum diese „zionistische Gang“ denn eigentlich so viel erfolgreicher sei, obwohl sie ja so viel weniger Mitglieder zählt. Und hier gibt es dann doch etwas Neues am viralen Video – möge Allah mir vergeben:

In Zeiten der digitalen Rückmeldungsmöglichkeiten haben sich ganz viele User in den Kommentarspalten als Zionisten vorgestellt und zu Wort gemeldet: „Es stimmt, wir haben die Wüste durch harte Arbeit in ein schönes Grün verwandelt“, schreibt einer und ein anderer schlägt vor, dass auch die restlichen Wüsten im Nahen Osten von den Zionisten bearbeitet werden können, das wäre doch nur konsequent. Und prompt wachten die Araber aus ihrem Mittagsschlaf auf und erinnerten die Zionisten an die besetzten Gebiete in Palästina... Solche Sachen enden bei Semiten halt immer im Streit, Tss tss...

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

Autor

14 Kommentare

Neuester Kommentar