Politik : Ein Jahr auf Bewährung

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Von Lorenz Maroldt

Einen Vorsitzenden wie Christoph Stölzl dürfte eine Partei eigentlich gar nicht haben. Dieses Amt hat man sich zu erobern, nach langem Kampf in den Ebenen der Partei, nach Entbehrungen beim Aufstieg, nach überstandenen und angezettelten Intrigen, nach heillosen und haltlosen Versprechungen. Christoph Stölzl, freier Bürger im wahrsten Sinne des Wortes, Mitglied der CDU in Berlin erst seit gut einem Jahr, in der Partei nicht nennenswert gestützt oder geschützt, hat einfach die Hand gehoben, als ein neuer Chef gesucht wurde und sich ein anderer, der Wahlverlierer Frank Steffel, anheischig machte, den Job zu übernehmen. So viel Chuzpe verblüffte sogar die raubauzige Union. Und so erwählte der Landesparteitag den Historiker Stölzl, für den sich kein Gegenkandidat, ja nicht einmal eine kritische Frage fand, zu ihrem Mann für die Zukunft. Nur zu gerne ließ sich die erniedrigte CDU von diesem eloquenten Geschichtenerzähler verzaubern.

Stölzl verspricht, die CDU nicht zu einer anderen, nur zu einer lebendigeren Partei machen zu wollen. Die Wahrheit ist: Das eine geht ohne das andere nicht. Aber die Neigung zur Selbsttäuschung hat Tradition in der Berliner Union. Eberhard Diepgen und Klaus Landowsky hatten ihrer CDU das Prädikat „liberale Großstadtpartei" verpasst. Doch das war sie nie. Berlin behauptete sich als kleinbürgerliche Wärmestube, die mit Staatskohle heizte und die zu lüften die Union tunlichst vermied. Eine liberale Großstadtpartei hätte hier keine Chance gehabt, schon gar nicht gegen eine CDU, die in ihrer Rolle als Rundumversorgungs- und Wohlfahrtsverein Erfolge genoss.

Stölzl will auf etwas ganz anderes hinaus: Auf die Partei als Anreger einer selbstbewussten und selbstbestimmten Bürgergesellschaft, die nicht fragt, was der Staat für sie tun kann, sondern die selbst tut. Verpflichtung, Gewissen, Verantwortung, Ehrenamt, Eigeninitiative, Gemeinwohl, Freiwilligkeit – das ist Stölzls Programm. Seine Idee der Zukunft ist geprägt vom Mut, der durch die Besinnung auf das Beste von gestern entsteht. Von diesem Ursprungsgedanken der CDU hat sich die Partei weit entfernt. Stölzl will sie dahin zurückführen.

Einen solchen Vorsitzenden hatte die Berliner CDU noch nie, einen ähnlichen schon. Mit Richard von Weizsäcker begann damals ihr Aufstieg. Aber allein war er nicht. Weizsäcker brauchte die Lummers, die heute Steffels heißen. Allein kann auch Stölzl nicht viel bewirken. Entscheidend ist, ob genug andere mitziehen. Der neue Vorstand ist nicht so besetzt wie von manchen erhofft. Hier hat Steffel die Fäden gezogen. Doch das muss Stölzl nicht schaden. Seine Politik wird, soll sie erfolgreich sein, dieses Gremium ohnehin weitgehend verlassen.

Einen Neustart hat die Union angekündigt, zu einer neuen Politik hat sie sich nicht bekannt. Womöglich hält sie das gar nicht für nötig. Das wäre fatal - für die CDU. Die Energie, die sie aus einem Erfolg Stoibers zu schöpfen erhofft, ist bis zur nächsten Berliner Wahl längst verbraucht. Und schon in einem Jahr zieht Stölzl Bilanz. Wenn es bis dahin nicht läuft, ist er frei genug, wieder zu gehen. Das ist sein stärkstes Argument in einer schwachen Umgebung. Es wird ein Jahr auf Bewährung – für den Vorsitzenden, aber mehr noch für seine Partei.

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