• Ein Jahr nach der Festnahme ist Öcalan unumstrittener Führer der verbotenen Partei. Vom eigenen Staat spricht kaum noch ein Kurde

Politik : Ein Jahr nach der Festnahme ist Öcalan unumstrittener Führer der verbotenen Partei. Vom eigenen Staat spricht kaum noch ein Kurde

Thomas Seibert

Abdullah Öcalan mag seit einem Jahr in einer Einzelzelle auf der Gefängnisinsel Imrali im Marmara-Meer sitzen, doch den Besuchern des "Mesopotamischen Kulturzentrums" in der Istanbuler Innenstadt ist er stets gewärtig. Der PKK-Chef lächelt von den Titelseiten pro-kurdischer Broschüren und Zeitschriften, die in der Cafeteria des Zentrums ausliegen - und auch in den Unterhaltungen der Gäste dieser inoffiziellen Kurdenvertretung in der türkischen Metropole fällt häufig "Apos" Name. "Öcalan spielt nach wie vor eine Schlüsselrolle", schwärmt eine Angestellte des Zentrums. "Er ist den anderen immer ein paar Jahre voraus." Trotz seiner Festnahme am 15. Februar 1999 wird Öcalan von vielen Kurden nach wie vor als Volksheld verehrt. Seine Befehle werden von der Basis befolgt - selbst wenn die Anweisung des Chefs darin besteht, den Traum von einem unabhängigen Kurdistan abzuschreiben. "Ein eigener Staat ist derzeit nicht drin", sagt der 43-jährige B., Mitglied im Vorstand des Kulturzentrums, getreu der neuen Linie des PKK-Chefs. Stattdessen richten sich die Hoffnungen der Öcalan-Anhänger nun auf eine Freilassung ihres Idols.

Nach all den Schmerzen und dem Leid, das der 15-jährige Krieg zwischen der Türkei und Öcalans Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) mit seinen mehr als 35 000 Toten über Türken und Kurden gleichermaßen gebracht hat, ist das Ziel eines eigenen Staates in dem Jahr seit der Ergreifung Öcalans durch türkische Agenten fast sang- und klanglos von der Tagesordnung der PKK-nahen Kurden verschwunden. "Eine Vereinigung der Kurden in der Türkei, Syrien, Irak und Iran ist zurzeit unmöglich und unlogisch", sagt Aktivist B., als hätte die PKK nie das Gegenteil vertreten. Solche Aussagen wären noch vor wenig mehr als einem Jahr in PKK-Kreisen als Hochverrat gewertet worden. Doch seit Öcalan selbst in seinem Prozess auf Imrali das Ziel des eigenen Kurdenstaates für überholt und den bewaffneten Kampf für gescheitert erklärte, hat sich der Wind gedreht. Entspannung und Aussöhnung sind jetzt die Leitmotive. Im "Mesopotamischen Kulturzentrum" trinken inzwischen sogar türkische Polizisten ihren Tee.

Nicht nur die Anhänger der PKK, auch die Organisation selbst bemüht sich, Öcalans Befehl zum Verzicht auf das Ziel eines eigenen Staates umzusetzen. Bei einem "Sonderparteitag" zu Jahresbeginn beschloss sie, den Begriff "Kurdistan" aus den Namen ihrer politischen und dem bewaffneten Flügel der PKK zu streichen. Allerdings, so merkten türkische Kritiker an, bleibt der bewaffnete Flügel trotz der verkündeten Umwandlung der PKK in eine politische Bewegung bestehen. Zudem haben sich in den vergangenen Monaten mindestens zwei Gruppen von der PKK abgespalten, die anders als von Öcalan verlangt weiterkämpfen wollen.

Doch die von der PKK dominierte kurdische Szene wendet sich anderen Dingen zu. "Der 15. Februar (1999) war ein schwarzer Tag", heißt es in einer Publikation, die im "Kulturzentrum" ausliegt, über die Festnahme Öcalans vor einem Jahr. "Lasst uns die Schwärze dieses Tages in Licht umwandeln." Damit dies geschehen kann, ist nach Meinung vieler vor allem die Freilassung Öcalans nötig. Das sei nicht nur die Auffassung vieler Kurden in der Türkei, sondern auch der Aktivisten in Westeuropa, heißt es in Kreisen der Exilkurden. "Öcalan ist der Grund für den Frieden und den Krieg gleichermaßen." Erst am Wochenende demonstrierten 10 000 Menschen in Straßburg für eine Freilassung des PKK-Chefs.

"Wenn es der Türkei ernst ist mit Europa, dann kann er nicht für immer auf Imrali bleiben", sagt auch B. im "Mesopotamischen Kulturzentrum". Zurzeit sei eine Freilassung zwar unvollstellbar, räumt er ein; schließlich ist Öcalan für die meisten Türken nach wie vor ein Terrorist. Doch B. und die anderen Kurden im Kulturzentrum sind guter Dinge, dass ihr "Vorsitzender", wie Öcalan von ihnen genannt wird, eines Tages wieder die Freiheit genießen kann. "Vielleicht dauert es fünf oder zehn Jahre", sagt B. "Aber irgendwann kommt er raus."

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