Ein Jahr Neu-Edition von "Mein Kampf" : Hitlers Hetze ist nur noch historisch

Zum Verkaufsstart gab es viel Aufregung und Empörung. Ein Jahr später ist die "kritische Edition" mit ihren 2000 Seiten und 3700 Anmerkungen vor allem ein Statement fürs bürgerliche Bücherregal. Ein Kommentar.

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Mausgrau, zweibändig und nahezu unlesbar: Seit einem Jahr gibt es Hitlers "Mein Kampf" und die sechste Auflage wird gerade gedruckt.
Mausgrau, zweibändig und nahezu unlesbar: Seit einem Jahr gibt es Hitlers "Mein Kampf" und die sechste Auflage wird gerade...Foto: Reuters

Als am 8. Januar 2016, vor nun genau einem Jahr, die zwei Bände namens „Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition“ vorgestellt wurden, wurde ein Bestseller aus der Taufe gehoben. Man hätte es beinahe ahnen können. Das exakt 70 Jahre währende Verbot, das Buch in Deutschland zu drucken, war mit der Jahreswende abgelaufen, und die über Jahre hinweg auf genau dieses Datum hin erarbeitete Edition des Münchner Instituts für Zeitgeschichte sollte gar nicht erst eine Lücke entstehen lassen, in die geschäftstüchtige oder auch nur halbseidene Verlage hätten stoßen können. Seither also ist die im wahrsten Sinne des Wortes gewichtige Edition in ihren zwei mausgrauen Bänden auf dem Markt, und statt der ursprünglich aufgelegten 4000 Exemplare sind mittlerweile 85.000 Exemplare abgesetzt worden; eine sechste Auflage wird noch in diesem Monat ausgeliefert.

Ohne die Lektüre von Hitlers „Mein Kampf“ sei der Nationalsozialismus nicht zu verstehen, haben die Herausgeber der Edition stets betont. In der Tat zählt zum Gemeingut der Geschichtswissenschaft, dass Hitler in seinem Buch alle Untaten voraussagt, die er als „Führer“ nach der Übernahme der Kanzlerschaft des Deutschen Reiches – die weniger Machtergreifung war als Machtüberlassung – tatsächlich beging. Andererseits bedurfte es zur Nazi-Zeit der Lektüre des 700-Seiten-Schmökers nicht, um Hitlers Ideologie zu begreifen; sie wurde den Deutschen in Form von Reden, Parolen, Filmen, in allen denkbaren Medien eingetrichtert. Insofern ging die Schutzbehauptung nach dem Kriege, man habe „Mein Kampf“ nie gelesen, es sei ohnehin ein unleserliches Geschreibsel, an der Sache vorbei. Man musste das Buch nicht lesen, um zu wissen, was drinstand.

Und doch gab es erheblichen Wirbel, als vor einem Jahr die Veröffentlichung der Münchner Edition bevorstand. Die Einwände waren indes von geringem Gehalt; den Deutschen der mittlerweile mehr als 65 Jahre alten Bundesrepublik die demokratische Reife abzusprechen, mit einem als ebenso abstrus wie verbrecherisch erkannten Machwerk umzugehen, hat denn auch niemand mehr ernsthaft unternommen. Blieben und bleiben die bitteren Gefühle von Nazi-Opfern und Holocaust-Überlebenden, dass das Buch, das ihnen Tod und Verderbnis angedroht und beschert hat, mit einem Mal wieder käuflich erworben werden darf, quasi nobilitiert durch seine wissenschaftliche Bearbeitung. Ein Einwand von Gewicht, gewiss; aber eben doch ein symbolischer.

Die Lektüre bereitet Mühe, agitiert hat sie sicher niemanden


Was hat nun das vergangene Jahr mit der Neu-Edition auf ihren knapp 2000 Seiten gebracht? Jedenfalls nichts, rein gar nichts von dem, was wortstark herbeigeredet worden war. Nicht ein einziger Neonazi hat behauptet, er sei durch die Münchner Neuausgabe radikalisiert worden. Es haben sich auch keine Lesezirkel gebildet, um das Werk Hitlers zu studieren; es sei denn Seminare an Universitäten, um es im Sinne der Editions-Bearbeiter kritisch zu sichten. Viel Aufregung also um wenig? Nein, durchaus nicht: Denn die Kontroverse um die Edition – und die im ersten Anschein fatale Symbolik, dass sie ausgerechnet in der „Hauptstadt der Bewegung“ unseligen Angedenkens vorgestellt wurde –, ja eher noch der Hype darum haben „Mein Kampf“ ein für alle Mal aus der Schmuddelecke des Publikationsverbots herausgeholt.

Die Faszination des Verbotenen ist verflogen. Hitlers Buch ist da, es kann gelesen werden. Allerdings – ein Vergnügen ist es nicht, allein schon weil der historische Kontext, in den es eingebettet war, von den Rassentheorien des 19. Jahrhunderts bis zur „Dolchstoßlegende“ der Weimarer Zeit, zu weit weggerückt ist und in den Köpfen heutiger Leser schon gar nicht mehr vorhanden. Die Edition ist, ihrer so erstaunlichen Verbreitung zum Trotz, ein Werk für die Wissenschaft, die viel zu lange auf eine sorgfältige Ausgabe zum peniblen Quellenstudium hat warten müssen.

Es bereitet Mühe, „Mein Kampf“ zu lesen, und man ist dankbar für das nur auf den ersten Blick übermäßige Textgebirge der rund 3700 Anmerkungen. Es muss tatsächlich jeder Satz erläutert werden. 85.000 Exemplare der Edition stehen mittlerweile in den Bücherschränken überwiegend privater Käufer, tausende werden noch hinzukommen. Es ist so ein bisschen der Ausweis kritischer, über jeden Anflug von Nazi-Ideologie erhabenen Gesinnung, die beiden Bände sichtbar im Regal zu haben. Gefahr geht davon keine aus. Das Buch „Mein Kampf“ ist historisch geworden. Der Kampf gegen das allerdings, was das Buch aussagt, gegen seine Ideologie muss immer wieder neu geführt werden. Nur nicht gegen die Windmühlenflügel einer vergangenen Hetzschrift.

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