Ein Jahr Schwarz-Gelb : Das Achtziger-Gefühl

Nach einem Jahr Schwarz-Gelb fühlt sich ein ganzes Land wie in der Zeitmaschine: Anti-AKW-Sticker überall, Guido Westerwelle fordert die geistig-politische Wende. Ist schon wieder 1983?

Jost Kaiser
1983 oder 2010? Das Motiv der Anti-Atomkraft-Bewegung ist noch immer das gleiche.
1983 oder 2010? Das Motiv der Anti-Atomkraft-Bewegung ist noch immer das gleiche.Foto: dpa

Bleierner Stillstand einer zerstrittenen Koalition, die gefühlt noch ewig weiterregieren wird. Ein Außenseiter, der den Abzug aller Atomraketen aus Deutschland fordert. „Atomkraft – nein danke“-Aufkleber allerorten. Eine „geistig-politische Wende“, die nicht eintritt, weil die Hohlheit der Phrase schon bei ihrer Geburt evident war, denn Regierungen sind nicht für die Erstellung der Moral zuständig. Die Dauerkrise der SPD. Rentenlüge. Gesundheitskrise. Autobahnmaut. Befinden wir uns im Jahr 1983?

Nein, alle diese Themen hat die Geschichte zur Wiedervorlage auf den Schreibtisch der Gegenwart abgelegt: zwar sind die Rollen ein wenig durcheinandergeraten – die „geistig-politische Wende“ und den Abzug der Atomraketen forderte der Friedensbewegte Guido Westerwelle, aber sonst ist es frappierend, dass die achtziger Jahre uns politisch und gesellschaftlich im Griff haben wie nie zuvor.

Vielen, die in diesem Jahrzehnt aufgewachsen sind, wird vielleicht ihre Wiederkehr gar nicht auffallen, denn „Wer sich an die Achtziger erinnern kann, der hat sie nicht erlebt“, hat der Popsänger Falco einmal gesagt, der den Drogen so zusprach, dass er sich irgendwann wirklich nicht mehr an den Zustand der damaligen SPD, an Modern Talking, Karottenhosen und andere schlimme Dinge erinnern konnte.

Zunächst: der Niedergang der SPD ist es zwar auch, der an die achtziger Jahre gemahnt, aber der ist ja immer Thema seit 1863 mit wenigen Unterbrechungen. Wer ein gewisses Alter überschritten, ein anderes, und sagen wir, die 50 noch nicht erreicht hat, wird sich kaum an einen anderen Zustand der SPD erinnern als an den der Krise. Nur dass Gottesmann Johannes Rau 1986 der angeblich stolzen Partei einen demütigenden Aufenthalt im Kloster (Irsee) zur Entwicklung eines Programmentwurfs aufzwang, während Sigmar Gabriel der SPD heute anempfiehlt, dahin zu gehen, „wo es stinkt“.

Historie der Anti-Atom-Bewegung
Die Anti-Atombewegung kämpft bereits seit Jahrzehnten für die Abschaltung der Meiler. Ein Blick zurück auf eine soziale Bewegung.Weitere Bilder anzeigen
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18.09.2010 08:23Die Anti-Atombewegung kämpft bereits seit Jahrzehnten für die Abschaltung der Meiler. Ein Blick zurück auf eine soziale Bewegung.

Und bei der Union? Hier ist die Verbindung zu den Achtzigern ganz frappierend. Die vollständige Verweigerung der Kanzlerin, so etwas wie eine Idee für das Schaffen ihrer Administration in den kommenden Jahren wenigstens vorzutäuschen, wenn schon keine da ist, erinnert frappierend an Helmut Kohl. Doch während Helmut Kohl in Bezug auf Fragen wie zum Beispiel die Alterung der Gesellschaft nur ein eitler Professor aus Ludwigshafen im Nacken saß (der sich als Ministerpräsident später in Sachsen verwirklichen durfte), sind es bei Angela Merkel die Verhältnisse selbst, die keinen Aufschub dulden. Bisher macht sie nicht den Eindruck, als störe sie das. Vielleicht denkt sie, sie hätte noch 15 Jahre als Kanzlerin einer schwarz-gelben Koalition vor sich? Merkels ja durchaus sympathische Unfähigkeit zum Polarisieren, aber auch das Wegbrechen aller Feinde hat zu einem anderen, aus den achtziger Jahren bekannten Phänomen geführt: So wie die SPD der ewige Phantomschmerz nach der reinen Lehre plagt, so ist die Union, sonst eigentlich mit sich im Reinen, auf einmal genau wie damals kurzzeitig auf der Suche nach dem „Konservatismus“. Hatte sie das jemals vorher interessiert?

Eher doch nicht, denn der Irrsinn mit der reinen Lehre, den sonst nur die SPD plagt, scheint wie eine schlimme deutsche Krankheit, die in der Union längst ausgerottet schien. Den Krankheitsschub gab es zuletzt 1983, als Strauß, der rechts von sich nur noch Wände zulassen wollte, der DDR durch mehrere Milliardenkredite zu gekaufter Restlaufzeit verhalf, ehe der marode Laden 1989 endgültig abgeschaltet wurde – wenn er auch bis heute in Form der Linkspartei weiterstrahlt. Kurz nach Straußens Tat kam in der Union die Diskussion um eine rechte, populistische Abspaltung von der Union auf, und sie wurde tatsächlich gegründet: Die Republikaner. So weit sind wir heute noch nicht, doch die Union steckt in derselben Diskussion, die teilweise regelrecht herbeigeredet wird: Was ist konservativ? Soll man sich abspalten? Anders als in den achtziger Jahren hat die Union heute nicht das Glück, dass an der Elbe Sowjettruppen stehen und die Diskussion um die Frage „was ist rechts?“ mit dem Satz beantwortet werden kann: Rechts ist alles, was nicht links ist und links ist so blöd, dafür zu sorgen, dass die Russen irgendwann die Angst verlieren, die Elbe zu überqueren.

Anti-Atom-Demo in Berlin
Die Grüne Opposition demonstriert in Berlin 2010 gegen die Laufzeit-Pläne der Regierung.Weitere Bilder anzeigen
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18.09.2010 13:45Die Grüne Opposition demonstriert in Berlin 2010 gegen die Laufzeit-Pläne der Regierung.

Trotzdem sollte sich die Union dringend an die Achtziger erinnern: Denn sie beantworten die Frage, was rechts von der Union stehen kann. Während links von der SPD der Irrsinn steht, stehen rechts von der Union: Stumpfsinn, Ressentiments, Reaktion und geistige Leere. Jeder Versuch, „konservativ“ oder „rechts“ neu zu definieren, führte bisher, das ist reine Empirie, in der einen oder anderen Form zur Verharmlosung des Nationalsozialismus. Mögliche Abspalter der Union sollten das als Lehre aus den Achtzigern mitnehmen. Ganz nebenbei: es ist ja auch ein Irrtum zu meinen, die Union sei jemals eine rein konservative oder rechte Partei gewesen. Sie war eine Neuauflage des Zentrums, gleichzeitig aber auch etwas in Deutschland nie Dagewesenes: sie importierte das pragmatische, amerikanische Politikverständnis nach Deutschland.

Und noch ein Thema erlebt die Bundesrepublik auf Wiedervorlage aus den Achtziger Jahren: Die Anti-Atomkraftbewegung. Für jüngere Menschen, die aus den Achtzigern ja auch das gute alte Arafat-Tuch wieder hervorgekramt haben, wird das Laufen unter der Anti-Atomkraft-Sonnenfahne vielleicht nur das Zitieren einer zeitgeschichtlichen Phase sein, die sie nicht miterlebt haben und deshalb verklären. Doch ist der Anti- Akw-Ansatz wirklich so falsch? Die Bewegung der Achtziger war zwar auch das Feld, auf dem sich Extremisten aus DKP und Kommunistischem Bund tummelten, die offenbar Spaß daran hatten, Stahlkugeln aus Zwillen auf Polizisten zu schießen. In Wahrheit waren die Demonstrationen aber etwas anderes. Jetzt, in der zweiten Auflage der Veranstaltung, da die Zwillenschießer und Irren weg sind und das Ganze von Menschen mitgetragen wird, die vor der Demo ihre Volvo-Kombis im Parkhaus abgestellt haben, wird dieser eigentliche Kern freigelegt: Die Anti- Akw- Bewegung war eine grundbürgerliche Veranstaltung, ihr Sinn war auch etwas Urdeutsches: Die Romantisierung des einfachen, vorindustriellen Lebens und des hierarchielosen Zusammenseins, die Wut auf Großkonzerne und den mangelnden Sinn der Politik für die Bedürfnisse und Ängste einer ganzen Generation.

Bürgerproteste gegen Stuttgart 21
Lange Zeit ging es gegen Stuttgart 21 auf die Straße. Diese Herren im Hasenkostüm nehmen an einer Sitzblockade gegen den Bahnhofsbau teil.Weitere Bilder anzeigen
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21.06.2011 07:39Lange Zeit ging es gegen Stuttgart 21 auf die Straße. Diese Herren im Hasenkostüm nehmen an einer Sitzblockade gegen den...

Diese Idee kommt heute viel breiter zur Anwendung als damals: Was seinerzeit das Atomkraftwerk Wyhl war, kann heute schon der Stuttgarter Hauptbahnhof sein. Nur dass die Grünen einmal gegen den Ausbau des Schienennetzes zu Felde ziehen würden, das hätte man sich 1983 wirklich nicht vorstellen können. Vielleicht waren die Achtziger doch nicht so schlecht wie ihr Ruf.

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