Politik : Ein Jude in Deutschland

DER FALL FRIEDMAN

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Von Bernd Ulrich

Am liebsten möchte man zunächst mal den Ton leiser stellen. Aber das geht nicht, denn die Worte selbst sind schon so laut: Kokain, Prostituierte, Justiz, TVModerator, das krawallt ganz von allein. Versuchen wir es trotzdem und beginnen mit dem am meisten beschwiegenen Teil der Friedman-Affäre. Michel Friedman ist Jude, in Deutschland. Hat das etwas mit seinen möglichen Gesetzesverstößen zu tun? Nein, das nicht, denn Justitia ist blind und muss es sein, sie kennt weder Juden noch Nicht-Juden, sie kennt nur Bürger.

Doch die Öffentlichkeit ist nicht blind und darf es nicht sein, wenn es um die Untiefen dieser Affäre geht. Michel Friedman hat sich entschlossen, sein Judesein in Deutschland auf zweierlei Weise zu leben. Zum einen wollte er nicht deswegen akzeptiert werden, weil er so lieb ist, so bieder und musisch begabt ist oder weil er sich so angepasst stylt. Nein, Friedman wollte das Gegenteil, er wollte von den nicht-jüdischen Deutschen akzeptiert werden, obwohl er so anders war, so provozierend aggressiv, so moralisch hochfahrend, so dandyhaft gekleidet. Ein Leben als Testfall: Wenn die nicht-jüdischen Deutschen einen netten Juden akzeptieren, beweist das gar nichts. Wenn sie einen Juden akzeptieren, der sie provoziert, dann – ja was? Beweist es, dass sie von der Krankheit des Antisemitismus genesen sind? Eigentlich nicht. Der Test kann nie positiv enden. Entweder er geht weiter, oder er fällt negativ aus.

Lange Zeit ging Friedmans Deutschen-Test mit sich selber als Lackmusstreifen nicht gerade gut, aber doch weiter. Und Friedman versuchte, das war der zweite Teil seines Großversuchs, ganz drin zu sein in Deutschland, möglichst überall zugleich: doppelter Talkmaster – in dieser Rolle hat ihm seine relative Unangreifbarkeit genützt – , Mitglied im Fernsehrat, stellvertretender Vorsitzender im Zentralrat der Juden, CDU-Politiker, Gast auf den Partys der Society. Dieses Zugleich, dieses extreme Draußen- und Drinnensein, ist das Spannungsfeld, in dem der deutsche Jude Friedman lebt. Lange ging das so, bis vor einem Jahr, als Jürgen W. Möllemann ihn als Jude angriff und Friedmans Dauertest, so hat er es empfunden, negativ ausfiel.

Er, der so viele Küsschen-hier-Küsschen-da-Freunde hat, er, der Fernsehstar, er, der Hansdampf in allen Gremien, er zählte die Stunden, die vergingen, bis irgendjemand Möllemann öffentlich entgegentrat. In dieser Zeit reagierten die Antisemiten durchaus und schickten ihm noch mehr Morddrohungen als gewöhnlich. Es waren dann zu viele Stunden. Stunden, in denen Friedman sich entfremdete. Schließlich, Geduld ist nicht seine starke Seite, reagierte er selbst, überreagierte auch. Mit einiger Verzögerung erst verurteilte Deutschlands bessere Hälfte Möllemanns antisemitische Umtriebe. Zu spät für Friedman, er war enttäuscht, vielleicht sogar fertig mit diesem Land.

Nun könnte man fragen, warum dieser dauernde Toleranztest denn nötig sei, sechzig Jahre nach dem Holocaust, in der zweiten Generation, und ob das Verhältnis zwischen Juden und Nicht-Juden denn immer noch so unnormal sein müsse. Die Antwort ist eindeutig: Dieses Verhältnis wird noch für sehr lange Zeit nicht normal sein, und darum wird es auch immer Juden geben, die provozieren wollen, um sich sicher zu fühlen, die testen, wie tolerant das Land denn nun wirklich ist. Das gehört einfach zum tragischen Erbe unserer Geschichte, von dem eben auch heute die Juden den schwereren Teil tragen.

Was das alles mit der möglichen Affäre zu tun hat, mit Kokain und Prostitution? Wahrscheinlich wäre es übertrieben zu sagen, dass die Möllemann-Ausfälle Michel Friedman tiefer in den Sumpf getrieben haben, wenn er überhaupt dort gewesen sein sollte. Doch spricht viel dafür, dass sein Leben in Extremen mit seiner Rolle als öffentlichem Juden zusammenhängt. Für die juristischen Fragen kann das keine mildernden Umstände bewirken. Für die öffentlich-moralischen wird Friedman nicht wollen, dass man ihn anders behandelt als andere Deutsche. Und, wenn das Wünschen hier helfen kann: Man wünscht sich sehr, dass Michel Friedman nicht das getan hat, was ihm vorgeworfen wird, dass er bald wieder mitten im deutschen Leben zu sehen ist. Nicht im Knast oder im Ausland.

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