Politik : Ein Killer namens H5N1 Von Hartmut Wewetzer

-

Wir wissen, dass eine weltumspannende GrippeEpidemie kommen wird. Wir wissen bloß nicht, wann. Das ist das düstere Mantra der Grippe-Experten. Denn eine weltweite Influenza-Epidemie, auch Pandemie genannt, scheint längst fällig. Im 20. Jahrhundert gab es drei Pandemien – 1918 („Spanische Grippe“), 1957 („Asiatische Grippe“) und 1968 („Hongkong-Grippe“). Während infolge einer „normalen“ saisonalen Grippewelle im Winter und Frühjahr jedes Jahr zwischen sieben- und 15000 Menschen bei uns sterben, könnte eine Pandemie nach einer Schätzung des Robert-Koch-Instituts 160000 Todesopfer fordern, mehr als das Zehnfache.

Der wahrscheinlichste Auslöser einer Pandemie heißt H5N1. Hinter diesem Kürzel versteckt sich ein besonders tödliches Vogelinfluenza-Virus. Doch wird es bisher nicht von Mensch zu Mensch übertragen. Früher war H5N1 nur als Erreger der „Geflügelpest“ bekannt. Aber 1997 sprang der Erreger in Hongkong erstmals vom Vogel auf den Menschen über und tötete ein Kind, danach noch fünf weitere Menschen in der Stadt. Binnen drei Tagen wurde in Hongkong sämtliches Geflügel geschlachtet. Ein konsequenter Schritt, der nach Meinung nicht weniger Fachleute eine Pandemie verhinderte. Dank vorbildlicher seuchenhygienischer Maßnahmen hat die Stadt die Vogelgrippe im Griff. Aber ärmere Regionen in Südostasien sind längst nicht so weit.

Niemand kann im Moment sagen, wie groß die reale Gefahr einer Grippe-Pandemie ist. Wir sind auf Prognosen angewiesen. Das Beispiel Hongkongs ebenso wie die Erfahrungen mit der Lungenseuche Sars und dem Rinderwahnsinn BSE zeigen vor allem eins: Im Umgang mit Infektionskrankheiten hilft nur rasches, konsequentes Handeln. Das zeigen auch Planspiele um einen fiktiven Ausbruch, wie sie kürzlich amerikanische und britische Forscher anstellten. Die Isolation Infizierter, die Ausgabe von Grippemedikamenten und eine Impfung im persönlichen Umfeld der Erkrankten können eine Epidemie eindämmen.

Nicht nur die deutsche Politik unterschätzt jedoch bisher die Gefahr einer Pandemie. Viele Fachleute beklagen, dass es zu wenig internationale Zusammenarbeit bei der Influenza-Überwachung gebe, holländische Experten haben eine Grippe-Eingreiftruppe bei der Weltgesundheitsorganisation gefordert. Denn das Virus kennt keine Ländergrenzen, schon gar nicht im Zeitalter der Globalisierung. Ebenso wenig wie die Zugvögel, durch die H5N1 uns nun über Russland näher kommen könnte.

Um vorbereitet zu sein, ist es sinnvoll, Grippemittel bereitzuhalten. Solche Medikamente können die Krankheit weder verhindern noch heilen. Sie verkürzen aber deren Dauer und mildern ihren Verlauf. Das wiederum kann die Ausbreitungsgefahr verringern. Die Bundesländer haben bisher aber nur für zehn Prozent der Bevölkerung Grippe-Medikamente bestellt, während nach dem Pandemieplan des Robert-Koch-Instituts für 20 Prozent Arzneimittel bereitstehen sollten. Das heißt, im Ernstfall könnte jeder fünfte Bundesbürger ein Mittel bekommen – wohl nicht zu viel, wenn man sich vorstellt, dass eine Pandemie jeden zweiten treffen könnte.

Und schließlich hapert es auch bei der Impfstoffherstellung. Noch immer werden Impfviren überwiegend mühsam und langwierig in Hühnereiern gezüchtet. Schon für die Herstellung eines ganz normalen Impfstoffs braucht man auf diese Weise Monate, ganz zu schweigen vom raschen und enormen Bedarf im Pandemiefall. Gentechnik und moderne Zellkulturen könnten die Produktion drastisch beschleunigen. Aber für Pharmafirmen sind Impfstoffe ein unsicheres Geschäft. Staat, Wissenschaft und Industrie sollten deshalb stärker zusammenarbeiten, um die Entwicklung gemeinsam voranzutreiben.

Trotz aller Schwächen und Versäumnisse gibt es zur Panik keinen Anlass. Aber man sollte für den Tag X so gut wie möglich vorbereitet sein. Wir haben das Wissen und die Technik, um der Gefahr zu begegnen. Noch ist es Zeit.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben