Politik : Ein Kind der Katastrophe

Vor 60 Jahren wurde die UN-Charta unterzeichnet

Jan Dirk Herbermann

Genf - Am Sonntag könnten die Vereinten Nationen feiern. Genau vor 60 Jahren, am 26. Juni 1945, unterzeichneten Vertreter von 50 Staaten in San Francisco die Charta der UN: Das Dokument ist die Geburtsurkunde der Weltorganisation. Passend zum Event beschwört UN-Generalsekretär Kofi Annan die Mission der Weltorganisation: „Die Vereinten Nationen sind ein nobles Experiment der menschlichen Kooperation.“

Dennoch will in den UN-Einrichtungen rund um den Globus die rechte Festlaune nicht aufkommen. Zu sehr lastet die Korruptions-Affäre um das milliardenschwere Öl-für-Lebensmittelprogramm auf den Vereinten Nationen, zu schleppend verläuft die geplante Reform der Organisation, zu offensichtlich ist, dass das große Versprechen der UN-Gründungsväter nicht eingelöst werden konnte: In die Präambel der Charta schrieben die Delegierten in feierlicher Sprache, dass die Vereinten Nationen „künftige Geschlechter vor der Geißel des Krieges“ bewahren wollten.

Mit dieser nahezu utopisch anmutenden Bestimmung reagierten die Staaten auf den Horror des Zweiten Weltkrieges. Auch wollten die Delegierten endlich eine funktionierende internationale Institution schaffen. Der Völkerbund, der glücklose Vorgänger der Vereinten Nationen, lag zu Beginn des Weltenbrandes 1939 schon auf dem Totenbett.

Im Kapitel VII der Charta erhielt die neue Weltorganisation die Instrumente, um auf Aggressionen zu reagieren. Doch konnten auch die UN den Ausbruch von Kriegen rund um den Globus nicht verhindern. Nach einer Zählung des US-Politologen Monty Marshall wüteten zwischen 1946 und 2004 mehr als 300 bewaffnete Konflikte auf nahezu allen Kontinenten. „Die große Mehrheit diese Auseinandersetzungen waren innerstaatliche“, bilanziert Marshall. Klassische zwischenstaatliche Kriege werden mehr und mehr die Ausnahme.

Haben die Vereinten Nationen also versagt? „Nein“, sagt der Zürcher Sicherheitsexperte Kurt Spillmann. „Die UN sind aber nur so stark, wie es die stärksten ihrer 191 Mitglieder zulassen.“ Das mächtigste UN-Mitglied, die USA, bevorzugten derzeit eine unilaterale Politik. Washingtons Ziel: eine Weltordnung mit eindeutiger US-Vorherrschaft.

Doch ihre magere Bilanz in der Kriegsverhinderung zwingt die UN zum Handeln. Im März präsentierte Generalsekretär Annan seinen Reformplan: Die alte Dame UN soll schneller, schlanker, effektiver werden. „Wir können die Verbreitung gewaltsamer Konflikte reduzieren“, wirbt Annan für sein Konzept. Gerade die mächtigsten Sicherheitsratsmitglieder USA und China aber verspüren keine Eile, Annan zu helfen. Ein großer Umbau der UN nämlich könnte ihre dominante Position im Sicherheitsrat schwächen. Gegen Washington und Peking ist aber keine Reform der Vereinten Nationen zu haben.

Bleibt also eine Stärkung der Vereinten Nationen Wunschdenken? „Ich befürchte, dass allenfalls eine globale Katastrophe zu einer Reform und Stärkung der UN führen würde“, sagt Experte Spillmann. „Die UN selbst und der Völkerbund selbst wurden ja auch erst nach den Katastrophen der beiden Weltkriege gegründet.“

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