Politik : Ein Knochenjob

Für die Altenpflege werden dringend Fachkräfte gebraucht – doch die Arbeit ist hart und die Bezahlung für viele wenig attraktiv

Sandra Diekhoff

Berlin - Dorota Bertrandt kann nur den Kopf schütteln: Im Dezember gab sie bei der Bundesagentur für Arbeit (BA) erstmals eine Anzeige für eine offene Stelle auf. Für ihren ambulanten Pflegedienst mit dem Schwerpunkt „Kultursensible Pflege“, der auf die Herkunft pflegebedürftiger Menschen eingeht, sucht sie seither eine Pflegekraft, die Polnisch spricht – denn ein großer Teil ihrer Kunden sind Polen. Mehr als 30 Angebote erhielt sie von der BA, darunter waren Deutsche und Polen. „Keine der polnischsprechenden Damen hat sich bei mir gemeldet – oder sie waren krank“, sagt Bertrandt.

Im Jahr 2005 verzeichnete die BA 5240 offene Stellen für Altenpfleger. Diesem Angebot standen 36 106 arbeitslos gemeldete Altenpfleger gegenüber: Trotzdem klagen Pflegedienste und Gewerkschaften über einen Mangel an Pflegefachkräften.

„Bei genauerem Hinsehen sind 80 Prozent dieser Pflegekräfte nicht vermittelbar“, sagt Johanna Knüppel vom Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe. Die körperlichen Belastungen in der Altenpflege sind hoch – viele Pflegekräfte seien schon nach wenigen Jahren gesundheitlich nicht mehr in der Lage, diese Tätigkeiten zu übernehmen. „Die psychischen und physischen Herausforderungen werden oft unterschätzt, denn der Beruf ist ein Knochenjob“, sagt Michael Mosall von der Gewerkschaft Verdi. Auch für Berufseinsteiger aus der Gesundheits- und Krankenpflege sei die Altenpflege höchst unattraktiv: „80 bis 90 Prozent der Absolventen bewerben sich in Krankenhäusern, denn die sind ihnen aus der Ausbildung vertraut“, sagt Knüppel.

Für diesen „Knochenjob“ erhalten die ausgebildeten Altenpfleger in der Regel einen Hungerlohn. Wer Glück hat, erhält ein tarifliches Monatseinkommen – doch selbst Altenpfleger, deren Monatsbruttogehalt an den „Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst“ angelehnt ist, erhalten je nach Einstufung zwischen 1687 und 2185 Euro. Hinzu kommt der Schichtdienst: In einem Berufsfeld, in dem 2005 von 310 000 Altenpflegern 270 000 Frauen waren, verlassen viele Berufstätige die Altenpflege bereits innerhalb der ersten fünf Jahre ihrer Berufstätigkeit. Denn der Schichtbetrieb fordert von vielen ein Opfer: Beruf oder Familie. In der Ausbildung selbst steht die soziale Betreuung alter Menschen im Mittelpunkt. Pflege, Beschäftigung, Zuhören: Die Azubis sollen lernen, ältere Menschen im Alltag zu unterstützen und mit ihnen die Freizeit zu gestalten, heißt es auf den Internetseiten der BA. „Altenpfleger müssen ein komplexes Fachprofil abrufen können“, sagt Birgit Hoppe, Vorsitzende des Arbeitskreises Ausbildungsstätten für Altenpflege. Denn im Alltag stehen die Pfleger vielfältigen Herausforderungen gegenüber – füttern, waschen, Wunden versorgen, Sterbebegleitung: Der Beruf erfordere immer mehr „von einer Person, in allen Dingen gleich professionell zu sein“, sagt Hoppe.

Dazu gehören auch zunehmend krankenpflegerische Tätigkeiten, denn die Aufenthaltszeiten in Krankenhäusern verkürzen sich. „Es kommen kranke, alte Menschen aus den Krankenhäusern zurück in die Heime, die weitergepflegt werden müssen“, sagt Knüppel. Mosall spricht auch von den „englischen Patienten“, die „blutig aus dem Krankenhaus entlassen würden und in der Kurzzeitpflege weitergepflegt werden müssten“. Dies erfordere ein höheres Maß an medizinischen Fertigkeiten.

Gerade Altenheime sind auf ausgebildetes Personal angewiesen. Laut Heimpersonalverordnung müssen in Berliner Pflegeheimen mindestens 52 Prozent der Angestellten eine qualifizierte Ausbildung zum Altenpfleger nachweisen können. Trotzdem investieren die Heime nur ungern in die Ausbildung des Nachwuchses. „Die Heime nehmen nicht genug Auszubildende in der Altenpflege auf“, sagt Hoppe. Denn die Betriebsstätten kommen für die Ausbildungsvergütung selbst auf – in Berlin liegt diese je nach Lehrjahr zwischen 550 und 850 Euro monatlich. Diese Kosten lasten auf den Bewohnern. „Ein Auszubildender kostet einen Heimbewohner etwa 30 bis 52 Cent pro Tag“, sagt Mosall. Dadurch entstünden den auszubildenden Heimen Wettbewerbsnachteile.

„Noch schwieriger gestaltet sich die Situation bei ambulanten Pflegediensten“, sagt Hoppe. Denn diese können die Ausbildungsvergütung nicht über die Pflegesätze (siehe Kasten) finanzieren, da sie von den Pflegekassen festgelegte Sätze nach einem Punktesystem für einzelne Pflegetätigkeiten erhalten. Doch gerade die ambulanten Pflegedienste würden in Zukunft an Bedeutung gewinnen, sagt Dorothee Unger von der Beratungsstelle „Pflege in Not“. Laut Pflegestatistik 2005 wurden bereits vor zwei Jahren 472 000 Pflegebedürftige durch ambulante Pflegedienste versorgt – das waren fünf Prozent mehr als 2003. „Das Ziel ist es, pflegebedürftige Menschen mit niedrigen Pflegestufen nicht mehr so schnell ins Heim zu geben.“

Bertrandt hat davon auf ihrer Personalsuche nicht profitiert. „Die Mitarbeiter von der Arbeitsagentur verstehen einfach nicht das Konzept der kultursensiblen Pflege“, sagt sie. Ende März erhielt sie das letzte Angebot von der BA: Eine Tschechin, die neben ihrer Muttersprache auch Griechisch und Deutsch spricht – nur leider wieder kein Polnisch.

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