• Ein Königreich für einen Keks Als Pablo Garibay in Mexiko das Geld ausging, fing er an zu backen

Politik : Ein Königreich für einen Keks Als Pablo Garibay in Mexiko das Geld ausging, fing er an zu backen

Martin Jordan[Mexiko-Stadt]

Von Martin Jordan,

Mexiko-Stadt

Schüchtern grüßt Reyna Mariles die Autofahrer, die in der Kolonne warten. Die Ampel zeigt rot – jetzt könnte sie zwischen den Autos durchlaufen und ihre Kekse anbieten. Doch der 17-Jährigen ist ihr Auftritt peinlich: eine Kochmütze, weißes Hemd und Schürze, dazu am Arm einen Korb mit Keksen. Schon den ganzen Morgen läuft das Geschäft schlecht, wieder verkauft sie nichts.

Pablo Garibay, Reynas Chef, steht an der Kreuzung und schüttelt nur den Kopf. Beim nächsten Rotlicht macht er sich selbst an die Arbeit. Er grüßt selbstbewusst, verwickelt die Fahrer in ein Gespräch. „Schau, das sind die besten Kekse weit und breit. Die werden dir schmecken, auch deiner Freundin“, wirbt Pablo um Kunden. Bei dickeren Menschen behauptet er, er verkaufe Diätkekse, und bei älteren, sie enthielten Potenzmittel.

In kürzester Zeit verkauft Pablo zwei Säckchen. Aber er weiß noch gut, wie schwer es am Anfang war. Vor vier Jahren stand er selbst zum ersten Mal als Koch verkleidet an einer Straßenkreuzung in Mexiko-Stadt und versuchte, seine Plätzchen an den Mann oder die Frau zu bringen. Auch er schämte sich zunächst in seiner Montur, doch in der Not blieb ihm nichts anderes übrig, als die Blamage zu ertragen.

60 Pesos – sechs Euro – hatte er noch übrig, gerade genug, um im Supermarkt Butter, Eier, Mehl und Zucker zu kaufen, damit ihm seine damalige Freundin ein paar Kekse backen konnte. Am nächsten Tag verkaufte Pablo innerhalb einer Stunde alle elf Säckchen zu je zehn Pesos (ein Euro).

Der Erfolg machte Mut, denn Pablo steckte in einer ziemlichen Krise. Erst vor kurzem war er aus der Provinz in die Millionenmetropole gezogen, um Gastronomie zu studieren. Doch seine Jobs als Tellerwäscher und später als Kellner reichten bei weitem nicht aus, um die Semestergebühren zahlen zu können, und so wurde er schon im zweiten Semester wieder von der Schule verwiesen. Dabei arbeitete er täglich zehn Stunden, kam erst nach Mitternacht nach Hause und musste um sechs Uhr wieder aus den Federn.

Pablo lebte in einem Dienstmädchenzimmer, das gleichzeitig als Rumpelkammer diente. Doch bald lief das Geschäft besser, Pablo konnte mit einer ersten Anzahlung sein Studium wieder aufnehmen. Er baute sein Geschäft weiter aus, hatte bald mehrere „Köche“ als Verkäufer im Einsatz, während seine Schwester in San Juan emsig Kekse herstellte. Schließlich mietete Pablo im Juli 1999 ein kleines Lokal in der Hauptstadt, das er nach und nach zur Backstube ausbaute. Heute leitet der 25-Jährige ein erfolgreiches Kleinunternehmen mit 15 Angestellten. Fünf Frauen backen Kekse und verpacken sie, zehn Verkäufer bringen die Säckchen an verschiedenen Straßenkreuzungen in Mexiko-Stadt unter die Leute. Pro Woche verkaufen sie in der 20-Millionen-Stadt rund 2300 Säckchen.

Etwa halb so viele sind es in Mexikos zweitgrößter Stadt Guadalajara, wo sechs Verkäufer im Einsatz sind. Vor vier Monaten wagte Pablo die Expansion – mit Erfolg. Und inzwischen gelingen die Kekse – im Gegensatz zu früher – auch fast immer.

Pablo hat es inzwischen zu einem bescheidenen Wohlstand gebracht. „Ich fange jetzt an, mir ein paar Sachen zu leisten, die ich mir früher nicht gegönnt habe“, sagt er. Doch materielle Dinge allein machen Pablo nicht glücklich: „Ich habe mit elf Säckchen angefangen und verkaufe nun kistenweise Kekse. Das zu sehen, ist eine unbezahlbare Befriedigung.“ Mit einer Idee und 60 Pesos (sechs Euro) in der Tasche hatte alles angefangen. Aus dem Nichts hat Pablo einen Betrieb aufgebaut, der Ertrag erwirtschaftet und Arbeitsplätze schafft. Dass er das ohne Kapital und ohne Bankkredit geschafft hat, macht ihn besonders stolz.

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