Politik : Ein Kontinent gewinnt

Von Armin Lehmann

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Im Sport werden die wahren Helden oft in der Niederlage geboren. Dann schwören sie sich, dass sie wieder kommen, und hadern nicht mit ihrem Schicksal. Nelson Mandela steht exemplarisch für diese Ausdauer, für den Vorsatz: Gib nie auf! Und so passte die Ikone des südafrikanischen Freiheitskampfes zum gestrigen Triumph des Landes. Die Ausrichtung der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 hatte Südafrika nur aufgrund einer Stimme an Deutschland verloren, gestern hat der Fußball-Weltverband Fifa anders entschieden: Südafrika darf 2010 das neben Olympia bedeutendste Sportereignis austragen. Und der 85 Jahre alte Mandela fühlte sich nach diesem Sieg „wie ein junger Mann“. Jetzt hat nicht nur Südafrika, sondern ein ganzer Kontinent die Chance, von diesem gewaltigen Medienereignis zu profitieren. Schließlich findet erstmals in der Geschichte eine WM in Afrika statt.

Mit der Festlegung auf Afrika als Gastgeber – nur das Austragungsland musste gestern gewählt werden – hatte sich die Fifa samt seiner mächtigen, westlichen Funktionäre selbst unter Druck gesetzt. Nicht jedes Sportereignis führt zwar sogleich zu politischen Großtaten, diesmal aber geht es gar nicht anders. Die Welt steht in der Pflicht, die Vergabe nicht als Symbol für den vergessenen Kontinent zu sehen, sondern konkrete Unterstützung für die politischen Probleme des Landes und des Kontinents zu gewähren.

Es mag zynisch klingen, aber die WM ist eine großartige Bühne, um über Afrikas Probleme zu sprechen. Zum Beispiel über Aids – 5,3 Millionen Südafrikaner sind infiziert, weit über zehn Prozent der Gesamtbevölkerung, eine ganze Generation ist gefährdet. Oder über Kriminalität und Korruption, um den von Bürgerkrieg und Völkermord gezeichneten Nachbarn zu zeigen: das südafrikanische Modell „One Nation“ (eine Nation) ist ehrgeizig und ohne Alternative, wenn Frieden zwischen den Bevölkerungsgruppen möglich sein soll. Manchen erscheint das naiv und als Aufgabe zu überladen, aber Südafrikas WM-Macher selbst haben diese Chancen im Sinn.

Deutschland wird sich an den Aufgaben beteiligen. Schon 2006 wollte Südafrika die WM und scheiterte an der geschickten Lobbyarbeit der Deutschen, die nun ausgerechnet ihren Strippenzieher von damals, Fedor Radmann, erneut ins Rennen schickten: für Südafrika. Die Deutschen, auch die Bundesregierung, wird organisatorische Aufbauarbeit leisten, denn darin sind die Südafrikaner nun ganz bestimmt noch nicht Weltmeister. Und sie werden sich auch finanziell beteiligen. Deutschland kann zeigen, wie effektiv und doch auch lustvoll Entwicklungspolitik sein kann.

Europäer wie die Spanier und Franzosen haben sich mit anderen Argumenten auf die Seite Marokkos geschlagen, des einzigen harten Konkurrenten Südafrikas. Vor allem nach den Anschlägen von Madrid fragten politische Experten, ob nicht uns Europäern Nordafrika aus Gründen der Sicherheitspolitik näher liegen müsste, damit dort nicht ein Aufmarschgebiet von Terroristen entsteht. Das ist die eine Ansicht, die andere lautet: Vielleicht sind nicht die Terroristen das große Zukunftsproblem, sondern Aids und Armut.

Ein weltweites Fußball-Fest kann alle diese schweren Probleme nicht lösen. Aber es kann eben doch seinen Zauber entfalten und die Menschen näher zusammenbringen. Auch das ist Politik.

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