Politik : Ein Kopf für die Sozialdemokraten Zum Tod des Politikers Peter Glotz

Hermann Rudolph

Er war vielleicht der inspirierendste, brillanteste Kopf seiner Generation im linken Spektrum der deutschen Politik. An Peter Glotz lag es jedenfalls nicht, wenn es ihr an Ideen fehlte. Unermüdlich, über drei Jahrzehnte hinweg, hat er seiner Partei, der SPD, mit Denkanstößen, Projekten und Strategien zugesetzt: ein Intellektueller in der Politik, der wirken wollte, ein Politiker, der sein Geschäft scharfsinnig und fruchtbar reflektierte. Und der der politischen Sprache Formeln schenkte wie „Die Beweglichkeit des Tankers“ oder „ Die Arbeit der Zuspitzung“.

Diese Spannweite seiner Begabung setzte ihm freilich auch seine Grenzen. Glotz war erfolgreich, hatte schließlich sogar sieben Jahre lang als Bundesgeschäftsführer die Hand am Steuer seiner Partei, aber die Rolle eines Parteistrategen vom Kaliber Herbert Wehners, die ihm vielleicht vorschwebte, erreichte er nicht. Dazu blieb der „Parteisekretär“, als der sich der Mann mit der hohen Stirn, der blendenden Schreibe und der hämmernden Rhetorik gerne sah, dann doch zu sehr Intellektueller.

Seiner politischen Prägung nach gehörte Glotz zu den Söhnen aus bürgerlichen Häusern, die in den fünfziger, sechziger Jahren zur SPD stießen. Das hieß: Godesberg – der Erneuerungs-Parteitag 1959 –, Reformpolitik, aber mit klarer Distanz zum alternativen Politikverständnis. „Der Weg der Sozialdemokratie“ hieß das programmatische Buch, mit dem er 1975 nach der Fahne des Partei-Vordenkers griff, gerade erst, nach bayerischen Anfängen, in den Bundestag gekommen; „Der historische Auftrag des Reformismus“ lautete, um keine Unklarheit aufkommen zu lassen, der Untertitel. Von da an war er SPD-Führungsreserve und bald mehr als das: 1974 parlamentarischer Bildungsstaatssekretär, 1977 Berliner Wissenschaftssenator, dann der junge Mann des Parteimanagements – was ihn kurzzeitig, ersatzweise, 1981 zum Berliner Landesvorsitzenden machte. Daneben war er – und blieb es – eine der anregendsten Stimmen in der Bildungspolitik.

Vor allem aber war Peter Glotz ein bedeutender Autor, faszinierend in seinem Ehrgeiz, die Praxis der Politik intellektuell-essayistisch zu durchdringen. Ob es ihm dabei geholfen hat, dass die Medien sein akademisches Fach waren, das er an der Universität München auch lehrte – mit einem zeitgemäßen Ausflug in die Universitäts-Politik – mag dahingestellt bleiben. Aber seine Politischen Tagebücher – drei an der Zahl: „Die Innenausstattung der Macht“, 1979, „Kampagne in Deutschland“, 1986, und „Die Jahre der Verdrossenheit“, 1996 – führen vor und loten aus, was Politik ist, als Beruf, als Erfahrung, als Gegenstand von Leidenschaft und Irritation. Wie ziemlich alles, was er verfasst hat – allein an Büchern über zwanzig Titel –,sind sie glänzend geschrieben, immer pointiert, nie dröge.

In der Mitte seines Lebens ist Glotz dann von seiner Herkunft eingeholt worden. Der Parteitheoretiker, in Eger geboren, entdeckte seine böhmische Herkunft. Das hat seinen Blick nochmals geweitet, ins Europäische, hin zu den mitteleuropäischen Revolutionen, schließlich zum Phänomen der Vertreibung. Das hat ihn auch – was viele verwunderte – zu einem Unterstützer des „Zentrums gegen Vertreibungen“ gemacht. Da hatte er sich schon aus der Politik zurückgezogen, war Gründungsrektor der Universität Erfurt geworden, dann Medien-Professor in St. Gallen. Aber ein Homo politicus blieb er. Ein Plädoyer für ein neues Godesberg soll demnächst erscheinen. Es wird eine posthume Wortmeldung sein: Am Donnerstag ist Peter Glotz im Alter von nur 66 Jahren gestorben. Ein Verlust für das politische und das intellektuelle Deutschland, die so selten zusammenkommen. In ihm geschah es, in eindrucksvoller, unvergesslicher Weise.

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