Politik : Ein Krieg, der nur Verlierer kennt (Kommentar)

Christoph von Marschall

Ist das der letzte Schritt zur Wiedergeburt einer ruhmreichen russischen Armee? Oder entpuppt sich der Großangriff auf Grosny als Wende im Tschetschenienkrieg - so wie schon einmal, fast auf den Tag genau vor fünf Jahren? Im ersten Kaukasus-Feldzug wurde zwischen Weihnachten und Silvester 1994 der Sturm auf Grosny befohlen. Hunderte kamen im Häuserkampf ums Leben. Als die Särge der Gefallenen heimkehrten, gewannen Soldatenmütter und Kriegsgegner wie der Menschenrechtler Sergej Kowaljow im Kampf um die öffentliche Meinung endgültig die Oberhand. Wenig später musste der Kreml ein politisches Abkommen aushandeln: Tschetscheniens Autonomie wurde anerkannt, die russische Armee zog ab.

Das wird sich so nicht wiederholen. Moskaus Truppen haben aus dieser Niederlage gelernt, wollen eine weitere Blamage nach der Afghanistan-Invasion vor genau 20 Jahren, der kampflosen Preisgabe des sowjetischen Hegemonialreiches und dem Misserfolg im ersten Tschetschenienkrieg unbedingt vermeiden. Auch die öffentliche Stimmung ist anders als 1994. Die Bevölkerung steht heute geschlossen hinter dem Feldzug, das hat die Duma-Wahl bestätigt: Jabloko, die einzige Partei, die sich kritisch äußerte, erlitt eine herbe Niederlage.

Doch selbst, wenn Moskaus Truppen Grosny ohne hohe Verluste einnehmen sollten, ist es sehr unwahrscheinlich, dass ihnen eine dauerhafte Befriedung des Kaukasus gelingt. Mit hohem militärischem Aufwand können sie die Hauptverkehrslinien sichern und die Städte kontrollieren, nicht aber den Partisanenkrieg beenden. Nach aller Erfahrung mit solchen Besatzungsregimes führen bereits die unvermeidlichen Sicherheitsvorkehrungen dazu, dass die Bevölkerung den Eindruck einer feindlichen Okkupation gewinnt. Die russischen Einheiten tun weit mehr, um sich die Gegner von morgen heranzuzüchten: Wenn nur die Hälfte dessen stimmt, was seriöse Quellen über das Niederbrennen ganzer Ortschaften und mutmaßliche Massaker berichten, dann lässt sich kaum ein effektiveres Nachwuchsprogramm für die Aufständischen denken. Wie will Moskau die Menschen im Kaukasus als loyale Bürger gewinnen, wenn es dem angeblichen Terrorismus seinen eigenen Terror gegen die tschetschenische Zivilbevölkerung entgegensetzt?

Die Menschen im Westen sollten beide Aussichten schrecken: die Vorstellung, dass der Kreml mit der brutalen Politik der Friedhofsruhe Erfolg haben könnte, aber auch die Perspektive, dass Moskau bei seinem Versuch scheitert, die Kontrolle über den Kaukasus zurückzugewinnen. Eine neue Konfrontation mit einem Russland, das auf militärische Stärke und Unterwerfung setzt, liegt nicht im Interesse des Westens. Aber er kann auch nicht wünschen, dass Moskau die Herrschaft über sein Territorium verliert, dass unkontrollierbare Abspaltungsbewegungen entstehen. Die Kräfte, die dahinter stehen, sind alles andere als potenzielle Bundesgenossen westlicher Demokratien. Die tschetschenischen Zivilisten sind Opfer des Krieges, nicht aber ihre politischen Führer, die diesen Konflikt gewollt und gesucht haben. Sie taugen nicht als Freiheitshelden. Sie gehen ebenso menschenverachtend vor wie Moskaus Militärs, haben Krankenhäuser überfallen und humanitäre Helfer als Geiseln genommen.

Eingreifen kann der Westen nicht. Dafür darf er fast dankbar sein. Denn es gibt keine Partei, deren Sache er guten Gewissens zur seinen machen könnte - bis auf die schutzlose Zivilbevölkerung. Für deren Menschenrechte muss der Westen eintreten - beharrlich und immer lauter, gerade weil Moskau sich taub stellt.

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