• Ein Krieg, ein Sieg, ein Präsident - Wahl-Gewinner Wladimir Putin ist der Liebling der Generäle

Politik : Ein Krieg, ein Sieg, ein Präsident - Wahl-Gewinner Wladimir Putin ist der Liebling der Generäle

Elke Windisch

Mit diesem Auftritt wäre Kaiser Justinian zufrieden gewesen, nach dessen Diktat das byzantinische Hofzeremoniell für alle Ewigkeit niedergeschrieben wurde: Schmetternde Tubastöße kündigen das Erscheinen von Wladimir Putin an, als dieser höchstselbst zur Einweihung des Informationszentrums der Zentralen Wahlkommission erscheint. Ein unverschämter Verstoß gegen die Etikette, denn laut Protokoll steht die vierstufige aufstrebende Tonfolge in Dur nur dem Präsidenten zu. Doch daran stören sich die Zuschauer nicht. Putin kassiert donnernde Ovationen, die ihm stehend dargebracht werden. Das ist nicht das einzige Erfolgserlebnis an diesem Tag. Keine zwanzig Minuten zuvor hatte er sich in der Geheimdienstzentrale am Moskauer Lubjanka-Platz von seinen einstigen Kollegen feiern lassen, denen er zum Tag des Tschekisten gratulierte. Die Kämpfer an der unsichtbaren Front, sagte Putin, der bis August selbst Hausherr des düsteren Labyrints war, könnten zufrieden sein: "Das Vorauskommando, das Sie in die Regierung delegiert haben, hat die erste Etappe der Aufräumarbeiten erfolgreich gemeistert."

Worin die zweite Etappe besteht, machte Putin gleich darauf klar: Er stehe als Kandidat für die im Juni fälligen Präsidentenwahlen bereit. Ausgerechnet vor dem russischen Geheimdienst wiederholte er fast wortwörtlich, womit er schon Mitte November bei einer Kommandeurtagung im Verteidigungsministerium definitiv die Herzen der Generalität gewonnen hatte: Westlicher Protest hin und mögliche Sanktionen her, die Anti-Terror-Operation in Tschetschenien werde bis zum siegreichen Ende geführt.

Schon vor Wochen bescheinigte Generalstabschef Anatolij Kwaschnin, der inoffizielle Chef der Kaukasus-Hardliner, Putin sei auf dem besten Wege, die tief gespaltene Nation des postkommunistischen Russlands zu konsolidieren. Umfrageergebnisse geben ihm Recht: Wären heute Präsidentschaftswahlen, für Putin würden 46 Prozent aller Wahlberechtigten ihre Stimme abgeben.

Machtfaktor Geheimdienst

"Mein Gott", stöhnt Leonid Radzichwoski, Chefkommentator der Tageszeitung "Sewodnja" und rauft sich die spärlichen Haare: "Der unaufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui. Es ist nicht zu fassen. Dabei war er Anfang August ein Nichts. Eine Null."

Das geht an der Wahrheit vorbei. Dass Putin bis zu seiner Ernennung zum Regierungschef am 9. August für die Öffentlichkeit weitgehend ein unbeschriebenes Blatt war, liegt einzig allein an seiner Geheimdienstkarriere. Die mangelnde Transparenz der Behörde, zu deren Chef Putin im Juli vergangenen Jahres aufstieg, kann jedoch nicht darüber hinweg täuschen: Mit mehr als 100 000 Mann unter Waffen, die auch noch im kleinsten Dorf präsent sind, ist der Geheimdienst ein Machtfaktor. Böse Zungen behaupten, der einzig verlässliche. Aus ihren Reihen gingen zudem mehr als einmal Regierungs- und Staatschefs hervor. Vor allem in Krisenzeiten, wie die Beispiele von Jurij Andropow und Jewgenij Primakow belegen.

Mit beiden, darin ist sich die öffentliche Meinung weitgehend einig, sei das Land nicht schlecht gefahren. Putin, so versuchte ein Talkmaster das Phänomen jüngst im Fernsehen zu erklären, stehe für "Qualitäten, die bei russischen Politikern gegenwärtig eher selten sind: kompromisslose Härte, die jedoch ohne den theatralischen Duktus Lebeds auskommt, Engagement, Intelligenz." Was gesagt werden muss, sagt Putin in knappen Worten. Zuweilen auch mit - gewöhnungsbedürftigem - Humor. Putin ist kein schöner Mann, eher sogar dessen Karikatur, aber bei den Russinnen kommt er an: Er ist jung und, im Gegensatz zu Jelzin, offenbar grenzenlos belastbar.

Ein Auftritt wie Michael Jackson

Einem Zehn-Stunden-Flug in die Pazifikregion ließ er jüngst nahtlos einen Sechzehn-Stunden-Arbeitstag folgen, der mit der Teilnahme an einem Übungsgefecht auf hoher See ausklang. Putin ist omnipräsent, taucht auf dem Kongress der Bergarbeiter ebenso unversehens auf, wie beim Endspiel von Tennisstar Jewgenij Kafelnikow um den Kreml-Pokal. Der Hallensprecher kündigte ihn an, als käme Michael Jackson.

Den Auftritt, heißt es, habe die "Familie" inszeniert, das heißt Jelzins Tochter Tatjana Djatschenko und deren Freund Walentin Jumaschew, vormals Chef der Kreml-Administration und Ghostwriter von Jelzins Memoiren. Das alles tat die Familie der Not gehorchend. Denn bei seinem fulminanten Auftritt vor der versammelten Generalität Mitte des Monats hat Putin seine Ansprüche auf die Jelzin-Nachfolge erneuert, und seitdem weiß die Hofkamarilla, dass er der einzige Kandidat ist, den die Militärs akzeptieren. Das wiederum ist die Voraussetzung, um die rumänische Variante für das Ende der Ära Jelzin zu umgehen, die auch seriöse Beobachter nicht mehr ausschließen.

Unter diesen Bedingungen ist sogar der Kremlchef selbst zu öffentlichen Treueschwüren gegenüber Putin verdammt. Putin hat seit den Wahlen am Sonntag mit "Einheit", dem Block der linientreuen Provinzfürsten, eine Fraktion hinter sich, auf deren bedingungslose Loyalität er bauen kann. Bei etwas Verhandlungsgeschick kann sie den Kern für Regierungsmehrheiten im neuen Parlament abgeben.

Trotzdem oder gerade deshalb wäre Jelzin seinen Premier gerne los - die Treueschwüre des Präsidenten gegenüber seinem jeweiligen Favoriten haben keinen realen Marktwert, sobald der Günstling sich als zu unabhängig entpuppt. Dass Jelzin, wie einige Medien spekulieren, Putin als Regierungschef entlässt und ihm die Duma-Opposition mit einem Misstrauensantrag womöglich goldene Brücken baut, ist jedoch nach den Wahlen eher unwahrscheinlich. Will Jelzin nicht den letzten Rest von Achtung verlieren, muss er das Ergebnis akzeptieren. Wenn er das nicht tut, dürfte eintreten, was der Politologe Andrej Piontkowski gegenüber dem US-Auslandssender "Radio Liberty" äußerte: Dann würde Putin, "von zwei Generälen flankiert, im Staatsfernsehen die Machtübernahme und eine Abrechnung mit den Volksfeinden im Kreml verkünden".

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