Politik : „Ein Krieg gegen Irak ist unvermeidlich“

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Herr Woolsey, vor 42 Jahren waren Sie zum ersten Mal in Berlin, warum?

Ich war 18 Jahre alt und studierte an einem Ableger der Stanford-University im Kreis Waiblingen in der Nähe von Stuttgart. Im Sommer 1960 war ich als Freiwilliger des Deutschen Roten Kreuzes in Berlin. Ich arbeitete in einem Auffanglager, wo Flüchtlinge aus Ostdeutschland untergebracht wurden, direkt gegenüber vom Anhalter Bahnhof.

Wie war das?

Von meinem Zimmer aus konnte ich sehen, wie harmlose Menschen, manchmal ganze Familien, von Vopos verhaftet wurden. Das war kein schöner Anblick.

Und Deutschland in jener Zeit?

Der Kalte Krieg faszinierte mich. Bis zu meinem 23. Lebensjahr wollte ich Professor für moderne europäische Geschichte werden.

Bereuen Sie, etwas anderes geworden zu sein?

Nein. Vom Temperament her tauge ich nicht für eine akademische Laufbahn. Mein großer Lehrmeister an der Stanford-University, Gordon Craig, hat mich trotzdem stark beeinflusst. Seit 1960 bin ich immer wieder nach Deutschland gekommen.

Später leitete das Jahr 1990 eine Dekade ein, die geprägt war von Hoffnung und Zuversicht. Die ehemals kommunistischen Länder wandelten sich zu Demokratien, im Nahen Osten und Nordirland begann ein Friedensprozess. Ist diese Zeit vorbei?

Ja endgültig, das dürfte spätestens am 11. September vergangenen Jahres deutlich geworden sein.

Wie deuten Sie diesen Tag?

Fragen Sie lieber, was vor diesem Tag passiert war. Denn man kann die Terroranschläge auf New York und Washington mit dem Angriff der Japaner auf Pearl Harbor im Dezember 1941 vergleichen. Damals wie heute mussten die Amerikaner erst durch eine Katastrophe wachgerüttelt werden, weil sie ihrem fatalen Hang nachgegeben hatten, es sich bequem zu machen. Sie wollten entweder schlafen oder auf Strandpartys gehen. Auf diese Weise haben wir nach dem Ersten Weltkrieg unsere Außen- und Sicherheitspolitik vernachlässigt. Die Gefahren des Faschismus wurden viel zu spät erkannt. Und nach dem Ende des Kalten Krieges sind wir wieder zu leichtsinnig gewesen. Es war eine schöne Zeit, die Wirtschaft florierte, allen schien es gut zu gehen.

Mit den Anschlägen vom 11. September konnte doch keiner rechnen.

Wirklich nicht? Seit vielen Jahren weiß man, dass die regierende Baath-Partei in Irak faschistisch ist. Sie wurde nach dem Vorbild der NSdAP aufgebaut. Und Saddam Hussein lässt sich durchaus mit Hitler und Mussolini vergleichen.

Das sind gewagte Parallelen.

Nur für den, der die Dimensionen nicht sieht. Am 11. September vergangenen Jahres begann der Vierte Weltkrieg - nach zwei heißen Weltkriegen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und einem Kalten Krieg in dessen zweiter Hälfte. Heute sitzt der Gegner unserer westlichen Zivilisation im Nahen Osten. Er bildet eine Koalition, die aus drei Kräften besteht: den radikalen Schiiten im Iran, den Faschisten im Irak und extremen sunnitischen Organisationen. Zu den Letzteren zählt unter anderem die Moslembruderschaft in Ägypten.

Die Anschläge vom 11. September wurden von Osama bin Laden und dessen Al-Qaida-Netzwerk verübt. Wie können Sie einfach von diesem Ereignis zum Irak springen und einen Vierten Weltkrieg beschwören?

Die Anschläge vom 11. September sind das letzte Glied in einer langen Kette. Der Krieg gegen Amerika begann 1979 mit der Geiselnahme in der US-Botschaft in Teheran, zog sich über das Attentat auf unsere Truppen 1983 in Beirut, das Massaker 1993 in Somalia bis hin zu den Anschlägen auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania. Hitler hat uns am 7. Dezember 1941 nicht angegriffen. Trotzdem befand sich Amerika nach Pearl Harbor im Krieg gegen Nazi-Deutschland.

Osama bin Laden ist auch ein Zögling der US-Regierung und Ihrer ehemaligen Geheimdienstorganisation, der CIA. War es ein Fehler, den Terrorfürsten im Kampf gegen die Sowjets hochzurüsten?

Es war kein Fehler, mit allen Mitteln die Sowjets in Afghanistan zu bekämpfen. Diese Auseinandersetzung brach ihnen im Kalten Krieg das Genick. Man führt halt immer nur einen Krieg zur Zeit. Wir haben auch Stalin gegen Hitler geholfen und später Stalin bekämpft. So ist das nun mal.

Zurück zum Irak. Was konkret werfen Sie Saddam Hussein vor?

Es ist ziemlich klar, dass er Massenvernichtungswaffen herstellt, permanent das 1991 nach dem Golfkrieg geschlossene Waffenstillstandsabkommen verletzt, diverse Terrororganisationen unterstützt und die Stabilität im Nahen Osten gefährdet.

Sie befürworten einen Krieg gegen den Irak.

Das ist unvermeidlich. Durch fortgesetzte Passivität - einzige Ausnahme: der Golfkrieg - haben wir unsere Gegner 20 Jahre lang ermuntert. In deren Augen trugen die Amerikaner am Ende ein großes Schild mit der Aufschrift „Tritt mich!“ vor sich her. Bis zum Afghanistan-Krieg wurden wir im Nahen Osten nicht mehr respektiert. Die Parallelen zur Appeasementpolitik der Europäer gegenüber Hitler sind unübersehbar.

Die US-Regierung fühlt sich in einem vagen Sinne bedroht. Allein das soll offenbar ausreichen.

Nicht bloß wir sind bedroht. Der Nahe Osten grenzt unmittelbar an Europa. Vielleicht ist Deutschland noch mehr bedroht als Amerika. Saddam wird eher nukleare Mittelstreckenraketen entwickelt haben, die bis Berlin reichen, als nukleare Langstreckenraketen.

Selbst eine Rückkehr der UN-Waffeninspektoren kann den Krieg nicht verhindern?

Nein. Diese Inspektoren würden niemals alles finden. Die Labors zur Produktion biologischer Waffen sind mobil. Viele Anlagen lassen sich prinzipiell nicht überprüfen, den Rest seines militärischen Programms wird Saddam Hussein geschickt zu tarnen wissen.

Einen solchen Krieg, ohne zusätzliche völkerrechtliche Legitimation, wird außer den USA kein Land unterstützen.

Wir brauchen kaum Verbündete. Die Briten vielleicht wegen ihres Stützpunktes Diego Garcia und wegen ihrer Spezialkräfte. Notwendig sind vor allem die Türken. Das wird die schwierigste Überredungsarbeit. Denn die Türken machen nur mit, wenn sie sicher sind, dass die Kurden dadurch nicht erneut zur Bedrohung für sie werden.

Wird die arabische Welt unbeteiligt zuschauen, während die USA den Irak bombardieren?

Es gibt Hunderttausende von anständigen arabischen Muslimen, die mit Osama bin Laden oder Saddam Hussein nichts zu tun haben wollen. Wir führen keinen Krieg gegen den Islam.

Wie lange wird der Vierte Weltkrieg dauern?

Wahrscheinlich länger als der Zweite, sicher kürzer als der Kalte Krieg. Am Ende müssen jene drei Kräfte, die wir bekämpfen, restlos besiegt sein. Verhandlungen oder Kompromisse kann es nicht geben.

Welchen Einfluss hat der Nahostkonflikt auf die Kriegspläne gegen den Irak?

Ohne Saddam Hussein wird sich auch der Streit zwischen Israelis und Palästinensern leichter lösen lassen. Die ganze Region wird stabiler sein.

Wird das die Botschaft sein, mit der US-Präsident George W. Bush am 22. Mai zu seinem ersten Deutschland-Besuch nach Berlin kommt?

Ich hoffe, er wird die Deutschen daran erinnern, welch gewaltigen Sprung ihr Land und ganz Europa nach dem Fall des Eisernen Vorhangs gemacht haben. Deutsche und Amerikaner haben Seite an Seite den Kommunismus besiegt. Heute hingegen befinden sich die letzten mächtigen antidemokratischen Kräfte im Nahen Osten. Um sie zu besiegen, müssen wir dieselbe Entschlossenheit aufbringen wie im Kalten Krieg. Im Unterschied zu damals müssen wir heute allerdings zu den Waffen greifen.

Das Interview führte Malte Lehming.

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