Politik : Ein Land, drei Machthaber

Am Sonntag ist auch der frühere Regierungschef Nawaz Scharif nach Pakistan zurückgekehrt

Ruth Ciesinger

Berlin - Im September hatte er es schon einmal versucht, doch damals war Pakistans Ex-Premier Nawaz Scharif nicht über den Flughafen der Hauptstadt Islamabad hinausgekommen. Vier Stunden nach seiner Ankunft saß er wieder im Flieger Richtung saudi-arabisches Exil, wo er die meiste Zeit der vergangenen acht Jahre verbracht hatte. Rund zwei Monate später und drei Wochen nach der Verhängung des Ausnahmezustands ist die Situation eine andere: Hunderte Anhänger Scharifs stürmten am Sonntagabend die Eingangshalle des AllamaIqbal-Flughafens in Lahore. Sie feierten die Rückkehr des Chefs der Pakistan Muslim League, PML-N, der diesmal mit ausdrücklicher Billigung der saudischen Königsfamilie Riad verlassen hat. Und zwar nicht nur im königlichen Jet, sondern auch nach einem Abschiedsabendessen mit Herrscher Abdullah persönlich.

Mit der Rückkehr Scharifs sind nun alle in Pakistan versammelt, die dort entweder wieder an die Macht oder an ihr festhalten wollen. Im Oktober war bereits Benazir Bhutto wiedergekommen, mit der sich Scharif Ende der 80er und während der 90er Jahre zweimal als Regierungschef abgewechselt hat. Scharif ist durch massive Korruption zu einem der reichsten Männer Pakistans geworden, als Militärdiktator Zia Ul Haq noch lebte, galt er als einer seiner Anhänger.

Bhuttos Rückkehr kam auf Drängen der USA zustande. Pakistanische Analysten spekulieren, wer nun Scharifs Rückkehr orchestriert hat, ob es die Saudis waren, die ihren Exilgast ungerecht behandelt sahen, oder doch Präsidentengeneral Pervez Musharraf selbst, der auf diese Weise hofft, Benazir Bhutto zu schwächen. Scharifs Partei bestreite einen „Deal“, während aus dem Regierungslager von einer Übereinkunft mit Musharraf die Rede ist.

Scharifs Rückkehr jedenfalls dürfte die politische Lage weiter verkomplizieren. Ihn und Musharraf verbindet eine tiefe Abneigung; der Armeechef hat Scharif 1999 aus dem Amt geputscht – nachdem dieser Musharrafs Flugzeug nicht mehr in Pakistan hatte landen lassen wollen. Die PML-Q, die Musharraf stützt, hatte sich nach dem Coup von der Partei Scharifs, der PML-N, abgespalten. Musharrafs Popularitätsverlust wirkt sich auch auf die PML-Q aus, ihre Prognosen für die geplante Parlamentswahl am 8. Januar sind schlecht. Deshalb fragt sich, ob nun viele Parteimitglieder ihren Weg von der PML-Q wieder in die PML-N Scharifs zurückfinden.

Deren Kernland ist der Punjab, die reichste und bevölkerungsstärkste Provinz Pakistans. In deren Hauptstadt landete Scharif zusammen mit seinem Bruder Schahbaz Scharif und anderen Familienmitgliedern. Am Morgen waren in Lahore hunderte Parteimitglieder festgenommen worden, die aber am Abend laut einer Erklärung des Provinzgouverneurs wieder freikamen. Ein Sprecher von Bhuttos Volkspartei PPP erklärte, man sei froh über Scharifs Rückkehr, die durch Bhuttos eigene Rückkehr möglich gemacht worden sei. In den vergangenen Tagen sollen die beiden Parteichefs und Konkurrenten um die Macht mehrmals telefoniert haben. Bisher sieht es aber nicht so aus, als ob sich die Opposition zu einem gemeinsamen Vorgehen gegen Alleinherrscher Musharraf formiert hätte, sondern, als ob weiter jeder versucht, sich alle Optionen offenzuhalten.

Seit Wochen war über einen Wahlboykott debattiert worden, doch am Sonntag ließ sich Bhutto registrieren. Scharif kommt rechtzeitig vor dem Ende des Registrierungstermins am Montag zurück, auch wenn es juristische Differenzen über seine Wählbarkeit wegen eines früheren Verfahrens gibt. Und auch einer der wichtigsten Führer der religiösen Parteien, Fazlur Rehman, hat sich am Wochenende als Kandidat aufstellen lassen. Dabei gibt es schon jetzt Gründe, daran zu zweifeln, dass der Grundsatz freier und fairer Wahlen eingehalten werden wird.

Bestimmte Aktivisten konnten sich – bis zum Sonntag – gar nicht registrieren. Zwar kamen in der vergangenen Woche mehr als 1000 inhaftierte Oppositionelle wieder frei, doch viele sitzen noch im Gefängnis. Außerdem hat die Wahlkommission es offenbar versäumt, eine Vorgabe des Verfassungsgerichts von den Wahlen von 2002 umzusetzen. Damals waren Religiöse bevorzugt worden, indem auch eher zweifelhafte Abschlüsse von Religionsschulen als Qualifikation für die Kandidaten ausreichte, ansonsten aber hohe Maßstäbe an die akademische Ausbildung gelegt wurden. Diese Regel ist trotz richterlicher Vorgabe nicht geändert worden, sagt ein Beobachter in Lahore.

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