Politik : Ein Land spart sich arm

SCHLUSSVERKAUF

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Von Heike Jahberg

Von wegen Teuro: Immer billiger wird’s. Seit Wochen schon locken dieHändler mit Sonderangeboten und Rabatten. Und am Montag, wenn der Schlussverkauf beginnt, stürzen die Preise weiter. Doch was machen wir, die umworbenen Kunden? Wir kaufen einfach nicht, oder nur ein bisschen, trotz all der billigen Jacken und Hosen – von Fernsehern, Kühlschränken und Autos ganz zu schweigen.

Die Kunden zweifeln; die Händler verzweifeln. Sie haben die Kaufunlust ihrer Kunden dramatisch unterschätzt. Für Miete und Personal aber müssen sie weiter zahlen. Was sollen sie denn bloß noch tun? Sie erfanden den Rudi-Rabatt aus Anlass der Vize-Weltmeisterschaft. Sie offerieren zwei Produkte zum Preis von einem. Sie werden in den kommenden zwei Wochen so manchen Preis um bis zu achtzig Prozent senken. Markenartikel werden verramscht. Sollen sie ihre Ware verschenken, damit zumindest die vollen Regale nicht bersten und die Lager nicht aus den Fugen krachen?

Die Händler verschleudern ihre Produkte – und schaden sich so nur noch mehr. Eine verhängnisvolle Entwicklung. Die Verkäufer entwerten ihr Sortiment, aber sie erreichen doch nur die Leute, die noch immer bereit sind, Geld auszugeben und auch bei höheren Preisen zugreifen würden. Die meisten der umworbenen Käufer aber halten ihr Geld zusammen so gut es nur geht; sie lassen sich nicht zum Konsum verführen, durch nichts. Sie warten. Worauf eigentlich? Und warum?

Die Angst ist stärker als die Lust auf Schnäppchen: Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren; Angst vor der Pleite des eigenen Unternehmens; Angst, dass sich die Wirtschaft trotz aller Versprechen in absehbarer Zeit doch nicht erholt; Angst davor, im Alter ohne ausreichende Rente leben zu müssen; Angst vor dem ultimativen Crash an den Börsen; Angst vor – der Armut.

Der Absturz der Börsenkurse hat viele tief erschreckt und aus einer falschen, scheinbaren Gewissheit gerissen. Wie leicht, wie locker schien doch alles zu sein! Vor zwei Jahren ließ sich an der Börse an einem Tag so viel Geld verdienen, dass die Kursgewinne locker für den Kauf eines neuen Kühlschranks gereicht hätten. Und am nächsten wieder. Heute kauft niemand mehr Kühlschränke. Wer zur Börsenhausse nicht ausgestiegen ist, trauert jetzt dem verlorenen Geld hinterher und ist doppelt reuig. Zum Frust über die nicht erzielten Gewinne kommt die Scham über den Verrat an der Tugend, mit Geld sparsam und solide umzugehen, keinesfalls leichtsinnig, schon gar nicht spielerisch. Wer damals als Neuling an der Börse spekulierte, alles auf die Aktien setzte, die „Volksaktien“ zumal, den Lebensabend gesichert sah, fühlt sich heute entweder betrogen – oder ganz zu Recht für den eigenen, einmaligen Leichtsinn bestraft.

Dass Sicherheit das Wichtigste ist, diese traditionelle Grundregel deutschen Familienlebens war für kurze Zeit außer Kraft gesetzt. Jetzt gilt sie wieder und sie wird stärker befolgt denn je. Seit Generationen geben Eltern ihre Lektion an die Kinder weiter: Geld nicht verschwenden und für schlechte Zeiten einen Notgroschen zurückzulegen. Nirgendwo sonst in Europa wird so viel gespart wie in Deutschland. Deshalb auch wirken amerikanische Rezepte nicht auf dem deutschen Markt. Anders als die US-Bürger sind wir Deutschen weit davon entfernt, die heimische Wirtschaft in Zeiten der Krise durch beherzten Konsum retten zu wollen. Shoppen als Staatsbürgeraufgabe, das passt nicht zum deutschen Wesen. Statt auf die hohe Kante wird das Geld wieder unters Kissen gelegt, bestenfalls noch aufs Konto. Selbst vom Arbeitslosengeld versuchen manche, noch einen Teil zurückzulegen. Sicher ist sicher, man weiß ja nie.

Wirtschaft ist auch Psychologie. Je weniger wir kaufen, desto schlechter geht es der Wirtschaft, umso größer wird unsere Angst. Wie kommen wir da bloß wieder raus? Alleine können wir es nicht schaffen. Aber wenn die Konjunktur dann doch langsam anzieht, die Kurse wieder steigen, die Arbeitslosigkeit sinkt, werden wir uns auch wieder einen neuen Kühlschrank leisten, einen Fernseher, ein Auto. Und Jacke wie Hose nehmen wir im Schlussverkauf mit – selbst wenn sie dann wieder teurer sind als in diesem Jahr.

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