Politik : Ein langsamer Tod

STEPHAN ISRAEL

KRAGUJEVAC .Das Herz der Stadt schlägt nicht mehr.Die Bewohner von Kragujevac, einer Industriestadt rund 100 Kilometer südlich von Belgrad, haben keine Hoffnungen mehr.Mehrere Bomben, von NATO-Flugzeugen auf das Fabriksgelände der Zastava-Werke abgefeuert, haben mehr als nur Zerstörung angerichtet.Jelena Vuckovic liegt im Krankenhaus von Kragujevac, und ihre Verzweiflung kennt keine Grenzen.Die 42jährige Mitarbeiterin im Zastava-Werk ist eine von 25 Verletzten.Glassplitter haben sie an Armen und Beinen verwundet.Die Verbandsstoffe sind von Blut durchtränkt, die Bettlaken löcherig.Sie hat Glück im Unglück gehabt.Was schmerzt, sagt sie, sind nicht die Wunden am eigenen Körper, sondern der tödliche Stoß ins Herz ihrer Stadt.

Jelena Vuckovic hatte mit 1500 anderen Mitarbeitern der Zastava-Werke Tag und Nacht in der Fabrik ausgeharrt.Man hatte alles versucht, um das Werk vor den NATO-Bomben zu retten.Am Abend haben die Mitarbeiter ihr Nachtlager in den Montagehallen und neben den Werksbänken aufgeschlagen.17 Nächte lang hat man sich abgewechselt im Schichtbetrieb.Der Schutzschild aus Menschen hat nichts genützt.

Die Bomben hätten in sechs Sekunden das Werk von Generationen zerstört, sagt Milan Beko, der Direktor der Zastava-Werke.Wie durch ein Wunder gab es nur Verletzte und keine Toten.Natürlich hat man in Kragujevac gewußt, daß die Fabrik auf der Liste der NATO-Ziele steht.Noch in der Nacht will der Direktor versucht haben, seine Mitarbeiter zum Abzug vom Werksgelände zu überreden.Aber nur die Hälfte der 3000 Angestellten sei seiner Aufforderung gefolgt.

Die jugoslawischen Militärbehörden haben die Journalisten von Belgrad nach Kragujevac geführt, um vorzuzeigen, was die NATO-Bomben angerichtet haben.Zastava-Direktor Milan Beko, im Designeranzug und mit Mobiltelefon in der Hand, macht seine Arbeit gut.Für einen US-Fernsehsender stellt er sich vor einem der Schutthaufen auf dem Werksgelände ins Bild.Und er holt zur druckreifen Anklage gegen die NATO aus: "Wir haben den Westen für seine Kultur und Technologie bewundert, und jetzt schickt man uns Bomben", klagt er.Es sei lächerlich, fährt der Direktor fort, wenn die NATO seine Fabrik als militärisches Ziel bezeichnet habe: "Dann könnte man mit dem gleichen Grund ein Weizenfeld niederbrennen, weil damit Soldaten versorgt werden." Die Fabrik ist vor allem bekannt für ihre Auto-Produktion."Wir waren sicher keine Konkurrenz für den Westen", meint Milan Beko mit ironischem Unterton.Zastava, Yugo und Florida heißen die Auto-Modelle, alle zwischen 28 und 14 Jahre alt.Die Herstellung vor Kalaschnikows sei vor zwei Jahren eingestellt worden.Im Werk würden nur noch Sportflinten und Pistolen hergestellt.Und dieser Krieg werde bekanntlich nicht mit Pistolen geführt.

Die NATO, sagt der Direktor weiter, führe ihren Krieg angeblich im Namen der Menschlichkeit.Doch in Kragujevac hätten die NATO-Bomben eine ganze Stadt um Arbeit und Brot gebracht.Die Serben müßten jetzt "noch mehr und noch besser" arbeiten, erklärte Jugoslawiens Präsident Slobodan Milosevic am Wochenende im Staatsfernsehen, während er angeblich Pläne für den Wiederaufbau des Landes studierte.Zastava-Direktor Milan Beko schätzt die Kosten allein für den Wiederaufbau seiner Fabrik auf "mehrere hundert Millionen Mark".Geld, über das das Land nicht verfügt.Die Fabrik sei in ihrer 146jährigen Geschichte schon zweimal zerstört worden, sagt der Direktor noch beim Gang durch die verwüsteten Hallen.

Die NATO-Bomben sind mit System gefallen.Sie haben im Kraftwerk eingeschlagen, das die Fabrik mit Strom und im Winter die ganze Stadt mit Fernwärme versorgt."Wie sollen wir im nächsten Winter die Wohnungen heizen", fragt sich Milan Beko.Die Turbinen sind mit Schutt eingedeckt, die Schaltkästen wurden von der Wucht der Explosion aufgesprengt.Dasselbe Bild in der Montagehalle und der Lackiererei.Aus einem undefinierbaren Haufen von Autoteilen raucht es, das Hallendach ist aufgeschlitzt, aus geborstenen Rohren strömt Wasser.In einer Nebenhalle hängen bereits fertige Autokarosserien an großen Greifarmen über den Montagebändern.Dort warten die Motoren, die nun wohl nie eingebaut werden können.

Das Zastava-Werk ist das Herz von Kragujevac, das die Stadt schon lange nicht mehr mit genügend Blut und Sauerstoff versorgte.Die Fabrik stirbt seit Jahren ihren langsamen Tod.Die Zeiten, als 240 000 Fahrzeuge im Jahr das Werksgelände verließen, sind vorbei.1998 konnte man einen eher symbolischen Ausstoß von 8000 Autos verzeichnen.Der Niedergang begann mit dem Aufstieg von Slobodan Milosevic.Doch das erzählt Direktor Milan Beko, von Belgrad entsandt, um das Werk wieder auf Vordermann zu bringen, nicht.Mit dem Zerfall des alten Jugoslawiens verlor die Fabrik Zulieferer und Markt.Wichtige Komponenten - sie kamen einst aus Kroatien und Slowenien - mußten plötzlich selber hergestellt werden.

Zuletzt machte die Fabriksleitung ihren Beschäftigten mit "Geheimverhandlungen" Hoffnung.Einmal war es die französische Autofirma Peugot, dann die italienische Fiat, mit der Verhandlungen über eine Beteiligung angeblich sogar kurz vor dem Abschluß standen.Doch der Kosovo-Konflikt und ein von der Europäischen Union verfügtes Investitions-Embargo machten die vorsichtigen Hoffnungen zunichte.

Formell werden noch immer 38 000 Beschäftigte auf den Lohnlisten geführt.Fast aus jeder Familie in Kragujevac arbeitet jemand in der Fabrik, die seit jeher den Lebensrhythmus in der Stadt bestimmte.Doch die durchschnittlichen Gehälter von 50 Mark im Monat reichten gerade für Brot und Milch.Fast jeder hat selber ein Stück Land oder Verwandte außerhalb der Stadt, und so ist die Versorgung mit den nötigsten Lebensmitteln gewährleistet.Andere erwirtschaften sich mit dem Schmuggel von Zigaretten aus dem Nahen Bulgarien oder Mazedonien einen kleinen Zusatzverdienst."Die Fabrik ernährt die Stadt", behauptet Direktor Milan Beko dennoch und begründet damit die große Loyalität der Bevölkerung gegenüber dem Werk.

"Die Fabrik war unser zweites Heim", klagt die verletzte Jelena Vuckovic, die seit 20 Jahren im Werk beschäftigt ist.Die Menschen von Kragujevac, sagt die Mutter von zwei Söhnen, könnten nichts für das Unglück, das über das Land hereingebrochen sei.Wovon sollen ihre Kinder in Zukunft leben? "Wir wollen nur Frieden und Brot", weint sie am Spitalsbett leise vor sich hin.

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