Politik : Ein Leben im Zwielicht - SDP-Mitgründer und Stasi-Mitarbeiter war lange krank

Albert Funk

Die Rückblicke häufen sich, zehn Jahre nach der Wende. Im kommenden April hätten die Rückblicks-Verfasser wohl auch nach Ibrahim Böhme gefragt. Aber den zehnten Jahrestag seines tiefen Falls muss der Mitbegründer der Ost-SPD nicht mehr erleben. Böhme ist, wie seine Tochter am Montag in Leipzig mitteilte, in der Nacht zuvor nach langer, schwerer Krankheit gestorben. Am 2. April 1990 hatte Böhme alle Parteiämter niedergelegt - Vorwürfe der Stasi-Mitarbeit waren laut geworden. Es war ein Schock für die kleine DDR-SPD, nachdem einen Monat zuvor schon die erste demokratische Wahl der Volkskammer zu einem Fiasko geraten war. Nur etwa 21 Prozent hatte die SPD erhalten, die "Allianz für Deutschland" aus CDU, Demokratischem Aufbruch und DSU hatte mehr als 48 Prozent gewonnen. Dabei galt es lange Zeit nach dem Herbst als fast ausgemacht, dass die SPD die Regierung übernehmen würde - mit Ibrahim Böhme, der erst Geschäftsführer der Ost-Sozialdemokraten war, seit Februar 1990 deren Vorsitzender, an der Spitze. Die Stasi-Vorwürfe machten das zunichte, wie zuvor bei dem DA-Vorsitzenden Wolfgang Schnur und später bei Lothar de Maiziere. Böhme wurde zwar nach seinem Rücktritt nochmals in den Vorstand der vereinigten SPD gewählt, aber 1992 nach einem Schiedsverfahren aus der Partei ausgeschlossen. Danach zog er sich zurück in seine Wohnung am Prenzlauer Berg, zuletzt zu seiner Tochter nach Neustrelitz.

Böhme wurde im November 1944 geboren, das genaue Datum ist wegen der Kriegswirren nicht bekannt - ein Omen für das weitere Leben, das einige, die ihn kannten, als zwielichtig bezeichnen. Er wuchs als Pflegekind auf, in Heimen und Internaten. Nach einer Maurer-Lehre und dem Abend-Abitur studierte der sprachbegabte und sprachgewandte Böhme unter anderem Geschichte und wurde Lehrer für Russisch, Geschichte und Deutsch in Greiz, später auch

Kulturfunktionär. Die wichtigsten Stationen eines DDR-Lebens: erste Verhaftung 1965 nach einem Havemann-Vortrag, 1967 SED-Mitglied (ausgetreten 1976 wegen der Ausbürgerung Biermanns), 1968 wieder kurze Zeit in Haft, in den siebziger Jahren gemaßregelt wegen Unterstützung für Jürgen Fuchs und andere widerspenstige Intellektuelle, 1977/78 fünfzehn Monate U-Haft wegen "staatsfeindlicher Hetze", dann am Theater in Neustrelitz, wegen Sympathiebekundungen für die Solidarnosc 1981 entlassen, später Gelegenheitsarbeiter in Berlin. In den 80er Jahren kam er in Kontakt mit den späteren SDP-Mitgründern Markus Meckel und Stephan Hilsberg. Deren Tun gab er bis November 1989 an die Stasi weiter, für die er schon seit den 60er Jahren seine Bekannten und Freunde in Oppositionskreisen fleißig und aus Überzeugung bespitzelt hat. Die Mitarbeit stritt er stets ab, zu klärenden Gesprächen ist es nicht mehr gekommen.

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