Politik : Ein linker Konservativer

Hermann Rudolph

Nicht nur Bücher haben ihre Schicksale, gelegentlich gilt das auch für den Ruhm ihrer Autoren. Als Sebastian Haffner am Jahresanfang 1999 starb, hatte er als Schriftsteller und Publizist schon über ein Jahrzehnt geschwiegen; er war eine - achtunggebietende - Gestalt der Erinnerung geworden. Nur wenig später, im Bücherherbst 2000, rückte ihn ein im Nachlass gefundener Erinnerungsband, vom Verlag als "Geschichte eines Deutschen" betitelt, mit Nachdruck wieder ins Blickfeld der Öffentlichkeit - sein erstes Buch, zu Lebzeiten unveröffentlicht. Die Erzählung des 32-Jährigen, die aus der Perspektive des Zeitgenossen eindrucksvoll Auskunft darüber gab, wie sich das Dritte Reich in Deutschland durchsetzte, wurde zum Bestseller. Im letzten Sommer heftete sich an diesen Erfolg noch ein kleiner, inzwischen zu Recht zerflatterter Hauch von Skandal - der Streit darüber, ob Haffner das Buch etwa später bearbeitet habe: Ein guter Auftakt für die erste Haffner-Biografie.

In seiner Weise ist der Autor, Uwe Soukup, mit der Geschichte dieses Nachruhms verflochten. Er hatte 1996 den jungen Haffner, von dem bis dahin keiner eine Vorstellung hatte, erst eigentlich entdeckt - mit der Übersetzung seines ersten Buches, des 1940 in England veröffentlichten, nur englisch vorliegenden "Germany: Jekyll & Hyde", ein staunenswerter Wurf. Der verlegerischen Leistung dieser Ausgrabung stellt Soukup nun den Versuch an die Seite, das Leben des vielleicht faszinierendsten und irritierendsten Publizisten der alten Bundesrepublik zu beschreiben.

In der Tat gehörte Haffner mit seiner hellen, gepressten Stimme und seinem zugreifenden Urteil für Jahrzehnte zu den meinungsgebenden Akteuren der öffentlichen Auseinandersetzung. Mit seinen "Anmerkungen zu Hitler" wurde er zum Erfolgsautor und blieb es - dank seiner Fähigkeit, historische Themen plausibel darzustellen. Außerdem waren da seine Wendungen, die Anlass zum Rätseln gaben: Bis in die sechziger Jahre hinein kalter Krieger, dann ein Parteigänger der Ostpolitik und unserer kleinen linken Revolutions-Versuche, schließlich ein apodiktischer Apologet des Abschieds von der deutschen Nationalstaatlichkeit.

Nun war der Lebensweg, der hinter diesen Wendungen stand, nicht gerade unbekannt. Das Publikum, das Haffner las, hörte oder sah, wusste, dass er aus Berlin stammte, nach England emigriert war, sich dort das Pseudonym Sebastian Haffner zugelegt hatte - sein bürgerlicher Name war Raimund Pretzel -, um in den fünfziger Jahren nach Deutschland zurückzukehren. Soukups Biografie füllt diesen Umriss mit Anschauung und Detailkenntnis, lebendig, einfühlsam und mit viel zeithistorischem Verständnis.

Da wird vieles spürbar von Haffners bildungsbürgerlichem Hintergrund, von dem Wagnis der Emigration und der schlafwandlerischen Kühnheit, mit der er sich in das Abenteuer einer englischen Journalistenlaufbahn begab. Es ist eine Geschichte, wie sie nur im diesem Jahrhundert passieren konnte: Wie einer, dem das nicht an der Wiege gesungen worden war, Engländer wurde - oder doch die sehr gute Kopie eines Engländers, wie Haffner einmal bemerkt hat - und am Ende doch feststellte, dass er "nun mal Deutscher sei".

Ein gewisses Problem des Buches besteht darin, dass Soukup heftig mit dem "linken" Haffner sympathisiert - schon sein verlegerisches Engagement für ihn knüpfte an Haffners vernichtende Kritik an der Rolle der SPD in der Novemberrevolution 1918/1919 an, Thema seines fragwürdigsten Buches. Das gibt der Schilderung der publizistischen Rolle Haffners in der Bundesrepublik eine leichte Schlagseite. Gleichwohl schreibt Soukup damit ein durchaus interessantes Kapitel ihrer Geschichte.

Im übrigen gehört es zu den Erträgen dieser Lebensbeschreibung, dass sie Haffners Richtungswechsel entdramatisiert. Das hat auch mit dem Wandel der Zeitläufte zu tun, die bekanntermaßen die Studentenrevolte im Ranking der bundesrepublikanischen Haupt- und Staatsaktionen stark zurückgestuft haben. Aber vor allem ist es der Gesamtzusammenhang dieses Lebens, der dessen Kontinuität hervortreten lässt. Soukup zeichnet das Bild eines bürgerlichen Charakters, "hin- und hergerissen zwischen seiner Liebe zu Deutschland ( ... ) und der Angst vor dem deutschen Nationalismus", beweglich, exzentrisch, aber nicht schwankend. Und der Autor trifft wohl ein Leit-Thema dieses Lebens, wenn er zu dem Schluss kommt, dass Haffner gern ein Konservativer gewesen wäre. "Aber wie sollte das gehen? In Deutschland? In diesem Jahrhundert?"

Dass Haffner sich immer wieder selbst höchst prägnant zu seinem Leben geäußert hat, erleichtert das Vorhaben einer solchen Biografie - aber nur auf den ersten Blick. Auf den zweiten setzt es ihm Grenzen eines Vorverständnisses, die schwer zu überschreiten sind. Dennoch ist Soukup ein interessantes Buch gelungen. In ihm verbindet sich die Zuneigung zu ihrem Gegenstand mit einem intelligenten Blick auf die Zeitgeschichte.

Ist es Zufall oder die Folge des Streits um Haffners Autorschaft, die ein weitere Ausgrabung zu Tage gefördert hat? Gleichviel, die Sammlung der Artikel, die Haffner zwischen 1942 und 1949 im britischen "Observer" geschrieben hat, sind ein vorzüglicher Beitrag zur Entdeckung des jungen Haffners. Sie zeigt alle die Tugenden, die man an ihm kannte: Originalität der Betrachtungsweise, Sicherheit des Urteils und das Understatement seines Stils, aber in einer Frische, die seinen Aufstieg verstehen lässt. Und die Artikel geben einen faszinierenden Eindruck von der Erscheinungsform einer Geschichte, die noch nicht Geschichte war, sondern brennende, nach vorne offene Aktualität.

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