Politik : Ein Magnet für viele Israelis

Das Hilton Taba war nicht nur beliebtes Urlaubsziel – auch Friedensverhandlungen fanden dort statt

Charles A. Landsmann[Tel Aviv],Annabel Wahba

Am Freitagnachmittag suchen die Rettungskräfte noch in den Trümmern des Hilton Taba am Roten Meer nach Opfern des Bombenanschlags. Im Swimmingpool des Hotels mit der Bar in der Mitte schwimmen Möbelteile, Stofffetzen und andere Trümmer. Der Motor eines der beiden Sprengstoffautos liegt direkt neben den Tennisplätzen, 200 Meter von der Lobby entfernt. Die oberste Stufe des zum Meer hin abfallenden Gebäudes ist verschwunden – genau so wie die darunter gelegenen zwölf Etagen. Die Rettungs-Wendeltreppe hängt sinnlos über dem Abgrund, der vor wenigen Stunden noch der Westflügel des Hotels war.

Zuunterst lag das Casino, Magnet für viele Israelis, seitdem das Hotel der ägyptischen Regierung gehört und von der Hilton-Kette gemanagt wird. Aus dem Spiel ums schnelle Geld wurde eines mit dem Tod. Dabei hatten die Zocker geglaubt, hier Ruhe zu finden. Ruhe vor der israelischen Polizei, die immer wieder versuchte, die vom nahe gelegenen Eilat ins Rote Meer stechenden illegalen Casino-Yachten zu entern und zu beschlagnahmen. Noch steht das Gebäude, doch Experten warnen vor einem möglichen totalen Einsturz, nach dem schweren Schaden, den es erlitten hat.

Im Rahmen des 1978 zwischen dem ehemaligen israelischen Premier Menachem Begin und Ägyptens Präsident Anwar al Sadat in Camp David ausgehandelten Friedensabkommens wurde die Rückgabe der Sinai-Halbinsel an Ägypten festgesetzt; 1989 ging auch Taba zurück an die Ägypter. Seitdem strömten nicht nur Hunderttausende israelische Hotel- und Spielcasinogäste in das Wüstendreieck. Hier trafen höchste Politiker und Militärs zusammen, besonders wenn es um den israelisch-palästinensischen Frieden ging. Mitte der 90er Jahre fanden im Hilton Taba die ersten Friedensverhandlungen zwischen der palästinensischen Autonomiebehörde und der israelischen Regierung statt, Anfang des Jahres 2002 dann die bisher letzten. Seit damals, den letzten Tagen der linken israelischen Regierung unter Ehud Barak, wird in Taba nicht mehr verhandelt. Wer von Israel nach Taba wollte, musste kein teures Visum erwerben, die Ägypter kassierten nur eine minimale Transfergebühr. Im Casino jedoch konnte abgesahnt werden. Viele spielwütige Israelis kamen dorthin – und brachten sich oft selbst um ihre wirtschaftliche Existenz.

Das israelische Außenministerium hatte Anfang September eine Reisewarnung für den Sinai ausgegeben – erstmals seit Jahren. Jedes Jahr reisen etwa eine halbe Million Israelis dorthin – ein nahes, billiges und bislang sicheres Feriengebiet. Aber mit dem Anschlag haben die Terroristen vor allem Ägypten getroffen. Für das Land am Nil und für den Sinai im Speziellen ist der Tourismus die wichtigste Einnahmequelle. Er ist unter Urlaubern wegen seiner Tauchreviere und der biblischen Geschichte beliebt. Auf einem Berg in der Wüste soll hier Moses die Zehn Gebote empfangen haben.

In der Region leben vorwiegend Beduinen, die ohne den Tourismus kein Auskommen haben. Für sie dürften die Folgen der Anschläge vom Donnerstag ähnlich verheerend sein wie für das Festland Ägypten die Attentate von Luxor 1997. Damals starben fast 70 Touristen, als ein islamistisches Terrorkommando in einem Tempel wahllos auf Touristen schoss. Daraufhin erstellte die ägyptische Regierung neue Sicherheitskonzepte und verfolgte Terrorverdächtige mit größter Härte, auch Todesurteile wurden vollstreckt. Militärkonvois als Begleitung von Bussen und intensive Kontrollen gehören nun zum Ferienalltag rund um die Tempelanlagen und Sehenswürdigkeiten auf dem Festland Ägyptens. Aber im Sinai patrouillierte wesentlich weniger Sicherheitspersonal, vor allem in den entlegenen Gebieten Nueiba und Ras al Satan, wo viele Touristen in einfachen Strandhütten wohnen. Der Terror dort hat Ägypten unvorbereitet getroffen.

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