Politik : Ein Mann der alten Werte

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Wolfgang Gerhardt hat so ziemlich das schönste Büro im JakobKaiser-Haus, das sich denken lässt: im Dachgeschoss an der Ecke Dorotheen-/Eberthstraße, bis zum Boden verglast, mit einem Blick vom Reichstag bis über die Spree hinweg. Allein deshalb ist es nicht völlig unglaubwürdig, dass der nüchterne Hesse einer Chance nicht nachtrauert, die er nie wirklich hatte. Aber Gerhardt ist ohnehin ein typischer Vertreter jener Generation Politiker, die sich Politik als Beruf gewählt, sie aber gleichwohl immer auch als Berufung verstanden haben. Das führt dazu, dass der FDP-Fraktionschef zwar die Tricks und Kniffe des Geschäfts kennt und gegebenenfalls anwendet, aber altmodische Worte wie Anstand, Bürgersinn und Gemeinwohl in den Mund nehmen kann, ohne dabei unglaubwürdig zu erscheinen. Dass er damit manchmal wie ein Relikt aus schwindenden Zeiten wirkt, stört ihn nicht. Er ist als Liberaler eben nicht neo, sondern von bürgerlichem Zuschnitt. Ein Stück alte Republik, und das bewusst. Wer sein Büro verlässt, blickt auf ein Foto: Es zeigt, vom Reichstagsdach aufgenommen, russische Soldaten, die die rote Fahne hissen. Im Hintergrund, zerschossen, ein Dachgeschoss: genau der Ort, wo der Betrachter jetzt steht. bib

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