Politik : Ein Mann der leisen Töne

Wolfgang Jüttner löst im niedersächsischen Landtag Sigmar Gabriel als SPD-Fraktionschef ab

Klaus Wallbaum

Hannover - Der frühere Ministerpräsident Sigmar Gabriel, fast zweieinhalb Jahre Oppositionsführer in Niedersachsen, sucht seine politische Zukunft im Bundestag. In diesen Tagen nimmt er Abschied von der Landespolitik, seit Dienstag ist bereits SPD-Landeschef Wolfgang Jüttner neuer Fraktionschef im Landtag. Viele Sozialdemokraten sehen darin für die Partei eine neue Chance.

Gabriels Wechsel in die Bundespolitik gilt als sicher. In den vergangenen Jahren hat er als einer der ,,Netzwerker“ bereits versucht, die SPD für die Zeit nach Schröder zu rüsten. Ebenso wie Ute Vogt, Matthias Platzeck oder Christoph Matschie zählt der 45-Jährige zur Gruppe der Mitt- bis Endvierziger, die vor allem durch pragmatische Machtausübung überzeugen wollen. In Niedersachsen fiel er weniger durch ausgefeilte Programmpositionen als durch seine Fähigkeit zu feurigen Debattenreden auf. Gabriels Gabe, schnell und wortgewaltig den politischen Gegner herauszufordern, hat die Minister der CDU/FDP-Regierung mehr als einmal ins Schwitzen gebracht. Nach der Niederlage bei der Landtagswahl im Februar 2003, als die SPD nach 13 Jahren die Regierung abgeben musste, trat die Partei vor allem durch das rhetorische Talent Gabriels in Erscheinung.

Jedoch blieb der erhoffte Erfolg aus. Weder gelang es Gabriel, die Popularität des CDU-Ministerpräsidenten Christian Wulff zu schmälern, der vielmehr zum beliebtesten deutschen Politiker aufstieg. Noch konnte die SPD ihr Profil schärfen. Seit Jahresbeginn lastet auch die VW-Affäre auf den niedersächsischen Sozialdemokraten. Die Landtagsabgeordneten Ingolf Viereck und Hans-Hermann Wendhausen hatten zehn Jahre lang von Volkswagen ohne Gegenleistung ein Gehalt kassiert. Gabriel selbst musste einräumen, nach der Niederlage 2003 ein Gutachten für VW geschrieben zu haben, als Miteigentümer einer Beratungsfirma. Seit der Entscheidung für die Bundestagskandidatur wirkt Gabriel wie befreit. In Talkshows stellt er sein Talent zur Schau, selbstbewusst und angriffslustig. Wieder einmal wird über die große Zukunft des begabten Redners spekulierte.

In Niedersachsen kommt mit Wolfgang Jüttner derweil einer zum Zug, dem Gabriel nie die Führungsrolle in der Landtagsfraktion zugetraut hatte. In vielen Punkten ist der Hannoveraner Jüttner das Gegenteil des Goslarers Gabriel. Er bevorzugt leise Töne, wirkt integrativ statt polarisierend, zieht Teamarbeit der Selbstdarstellung vor. Und anders als Gabriel hat Jüttner einen eindeutigen Standort in der SPD – der ist links. Als die SPD-Linken gegen Gerhard Schröders Agenda 2010 aufbegehrten, zählte der 57-Jährige zu den wichtigsten Kritikern.

Jüttners Gegner befürchten, er könne die Lücke, die Gabriel hinterlässt, nicht schließen, die Landes-SPD werde an Profil verlieren. Seine Anhänger vermuten das Gegenteil: Weil Jüttner darauf bedacht sei, möglichst viele an den Entscheidungen der Partei und Fraktion zu beteiligen, hätten neue Leute in der SPD eine Chance zum Aufstieg.

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