Politik : Ein Mann, so wichtig wie 8000 UN-Soldaten

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Von Moritz Kleine-Brockhoff, Dili

Als es soweit ist, rattert Xanana Gusmao den Amtseid herunter, so schnell er kann. 25 Jahre hat er für Osttimors Unabhängigkeit gekämpft. Jetzt ist sie da, Xanana ist 55 Jahre alt und müde. „Ich will nicht Präsident sein“, hatte Xanana erst vor wenigen Tagen wieder gesagt. Denn eigentlich will er Zeit haben: für seine junge Frau aus Australien, für ihr kleines Kind und bald auch für das Baby, das unterwegs ist. Aber daraus wird nichts. Die Ost-Timoresen beknieten ihren Helden solange, bis er zur Präsidentschaftswahl antrat. „Xanana ist unserer Führer“, sagen die meisten. 83 Prozent haben ihn gewählt.

Der Präsident trägt ein hellblaues Polohemd und Jeans, sein Bart ist weiß. Xanana wirkt dünn, fast hager. Nur wenn er sein Hemd in die Hose steckt, sieht man einen Bauchansatz. Der vergangene Sonntag war ein Hemd-muss-in-die-Hose-Tag. Vor der Unabhängigkeitserklärung mussten Bill Clinton, Kofi Annan und andere hohe Gäste am Flughafen begrüßt werden. In der Universität von Dili zeigen Fotos den jungen Journalisten Jose Alexandre Gusmao mit Kamera in der Hand. Mit 29 erhielt er einen Dichterpreis, vor kurzem ist ein Band mit jüngeren Gedichten erschienen. Das Heft liegt auf einem Tisch in der Universität, zwei Räume weiter, wo Xananas Gemälde ausgestellt sind. Andere Fotos zeigen Kay Rala Xanana Gusmao in Uniform und mit Gewehr – sein Kriegs, seit er bei der Falintil-Guerilla für die Unabhängigkeit Ost-Timors kämpfte.

Xanana war und ist das Symbol des Widerstandes, ein Held, der mit dem Volk leidet. Er ist einer von ihnen, kommt aus einer einfachen Familie und hat nie studiert. Xanana setzte sich gegen die indonesischen Soldaten, die das Land besetzt hatten, zur Wehr. 17 Jahre kämpfte er in den Wäldern. Warum gerade er zum Falintil-Kommandanten ernannt wurde? Ein Schulterzucken ist die Antwort, „Es gab bessere Kämpfer“, meint er. Später leitete Xanana den politischen Arm der Unabhängigkeitsbewegung, gleichzeitig blieb er Kommandant der Kämpfer. Als die Indonesier ihn verhafteten und ins Gefängnis steckten, wurde Xanana zum Nelson Mandela von Osttimor.

Nach seiner Freilassung dankte er der indonesischen Regierung für seine Begnadigung und versprach „alles zu tun, um Frieden in mein Land zu bringen“. Dieser Dank war der Beginn seiner Versöhnungskampagne mit dem großen Nachbarn, kein böses Wort mehr über die Indonesier, unter deren Herrschaft ein Viertel seines Volkes starb. Nie wieder soll es Spannungen geben, Vater Gusmao schluckt viel, um seine Kinder zu schützen. „Wir müssen nach vorne gucken“, sagt er immer wieder. Obwohl das manchen zu weit geht, ist dieser Mann genau so wichtig, wie die 8000 in Osttimor stationierten UN-Soldaten. Egal, wo und warum die Osttimoresen sich streiten, Xanana fährt hin, sofort ist Ruhe. Parteilos steht er über denen, die um die Macht im neuen Staat kämpfen.

Bei der Unabhängigkeitsfeier ist es spät geworden, Minister werden vereidigt, Xanana strahlt, schüttelt Hände und unterschreibt Ernennungsurkunden. Nach der Verfassung hat er so wenig zu entscheiden, wie der deutsche Bundespräsident. „Das ist gut“, meint er, „regieren wäre mir zu anstrengend“.

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