Politik : Ein Mann wie eine Seifenoper

Der 45-jährige Enrique Peña Nieto will Mexikos nächster Präsident werden.

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Enrique Peña Nieto vertritt die langjährige mexikanische Regierungspartei PRI. Foto: AP
Enrique Peña Nieto vertritt die langjährige mexikanische Regierungspartei PRI. Foto: APFoto: dapd

Da steht er nun, der Kandidat der Kontroverse. Ein verkappter Caudillo für die einen, ein Erlöser Mexikos für die anderen: Enrique Peña Nieto, 45, schwarze Hose, polierte Schuhe, blütenweißes Hemd. Wenn den Umfragen Glauben zu schenken ist, wird der ehemalige Gouverneur der nächste Präsident des Landes. Am 1. Juli finden in Mexiko Präsidentschaftswahlen statt. Dabei strebt die Partei der Institutionellen Revolution (PRI), die bis vor zwölf Jahren den Präsidenten stellte, wieder an die Macht zurück. Und Enrique Peña Nieto ist ihr As.

Peña Nieto hat sein ganzes Leben lang auf einen Erfolg bei den Präsidentschaftswahlen hingearbeitet. Zwei Gouverneure hat seine Familie schon hervorgebracht. Ein hohes politisches Amt wurde ihm schon in die Wiege gelegt, und diese Rolle spielt Peña Nieto perfekt: Im Laufschritt kommt er in die Wahlkampfarena, durchbricht die Absperrung, schüttelt Hände, herzt Kinder und lächelt in Mobiltelefonkameras. Alles wirkt jung, dynamisch, volksnah. Wäre da nicht seine Partei PRI, mit der die meisten Mexikaner vor allem negative Assoziationen verbinden: Korruption, Autoritarismus und Misswirtschaft.

Auf der Bühne redet Peña Nieto von Hoffnung, von Aufbruch und der vergangenen Größe Mexikos, die es zurückzugewinnen gilt. Abstrakte Programme und konkrete Analysen sind von ihm nicht zu hören. Am Ende des Wahlkampfauftritts drückt ihm der lokale Parteifunktionär einen Zettel in die Hand, den der Kandidat dann vorliest und auf dem die üblichen Versprechen aufgelistet sind: mehr Schulbusse, eine neue Straße, ein Trinkwasseranschluss. Zahlen und Fakten sind nicht die Sache eines Mannes, dem der soeben verstorbene Autor Carlos Fuentes vorwarf, ignorant zu sein und der auf die Frage nach seinen drei Lieblingsbüchern ins Stottern kam. Peña Nietos Stärke liegt woanders. Er bringt seine Landsleute zum Träumen, wie die Seifenopern, in denen seine zweite Ehefrau mitspielt.

Diese Strategie schien zu funktionieren. Seit Monaten liegt er in den Umfragen klar vor seinen beiden Konkurrenten, der hölzernen, konservativen Josefina Vázquez Mota von der regierenden Partei der Nationalen Aktion (PAN) und dem linkspopulistischen Andres Manuel López Obrador. Doch knapp sechs Wochen vor der Wahl hat ihn die Realität plötzlich eingeholt.

Dass Peña Nieto inzwischen ein starker Gegenwind ins Gesicht bläst, wurde auch bei einem Meeting in Queretaro in Zentralmexiko deutlich. Eigentlich war eine Veranstaltung mit Jugendlichen geplant, doch die waren stark in der Minderheit zwischen den wettergegerbten Bauern mit Hut, den mit Gel frisierten Parteifunktionären und den Müttern mit Kleinkindern – zumindest im Innern des Stadions. Denn draußen, vor den Toren, da hatten sich die Studenten versammelt – und platzten unverhofft mitten in die rot-weiß-grüne Euphorie. Einige erklommen die Absperrung und hielten Transparente in die Menge. Von Menschenrechtsverletzungen war da die Rede, von Korruption und Wahlbetrug. All dies war auf die PRI gemünzt, die Mexiko 71 Jahre lang autoritär regiert hatte, bis sie 2000 vom Wahlvolk aus dem Präsidentenpalast katapultiert wurde.

Jetzt, da erneut Präsidentschaftswahlen anstehen, schienen sich die Mexikaner, gebeutelt vom Drogenkrieg, von Arbeitslosigkeit und Kriminalität, lange nicht an der Rückkehr der PRI-„Dinosaurier“ in den Präsidentenpalast zu stören. Doch nun macht das städtische, moderne und gebildete Mexiko gegen den Kandidaten Peña Nieto mobil. Mitte Mai zettelten ausgerechnet die Studenten einer teuren Privatuniversität bei einer Veranstaltung Peña Nietos die ersten Proteste an, so dass der Kandidat über einen Hinterausgang flüchten musste. Das seien von der Opposition bezahlte Provokateure, ließ sein Wahlkampfteam verlautbaren. Es war diese Überheblichkeit, die das Fass zum Überlaufen brachte. 131 Studenten bekundeten per Youtube, sie seien ganz normale Studierende. Seither werden per Twitter und Facebook landauf, landab Demonstrationen organisiert. Von den 80 Millionen Wahlberechtigten sind 14 Millionen Jungwähler. Doch die Traditionsparteien kümmern sich kaum um sie. Die Jungwähler gelten als apolitisch, konsumorientiert oder problematisch, wenn sie zu den 7,5 Millionen „ni-ni“ gehören, die weder studieren noch arbeiten.

Und nun ist es ausgerechnet diese schon abgeschriebene Generation, die mobil macht für die Demokratie. Sie fordern Transparenz, faire Spielregeln, wirkliche Debatten und werfen den Medien eine unausgewogene, verlogene Berichterstattung vor – vor allem dem mächtigen TV-Sender Televisa, mit dem sich noch kein Präsident anzulegen wagte und der von Peña Nieto Millionen erhalten hat. Das Geld floss nicht etwa in Spots, sondern wurde gezahlt für „geneigte Berichterstattung“ und Interviews, eine in Mexiko übliche Praxis. Doch damit wollen sich die jugendlichen Demonstranten nicht abfinden. „Peña Nieto hat das Fernsehen, wir haben die Straße und die Netzwerke!“, lautet einer ihrer Slogans.

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