Politik : Ein Meer von Leichen

57 Afrikaner sind nach Spanien aufgebrochen – angekommen ist nur einer

Ralph Schulze[Madrid]

Erst sah Jose Maria Abreu aus der Ferne nur einen anscheinend leeren Holzkahn auf dem Meer treiben. Als der Kapitän des spanischen Fischkutters „Tiburon“ (Haifisch) näher heranfuhr, erhob sich matt eine Hand, winkte schwach. Die Hand gehörte dem Senegalesen Leidi Fall. Und er ist der einzige Überlebende eines waghalsigen Fluchtversuchs von 57 Afrikanern über den Atlantik Richtung Kanarische Inseln.

Neben Leidi Fall lagen sieben Tote im Kahn. Der 29-jährige hatte keine Kraft mehr, ihre Leichen ins Meer zu werfen. So wie er es zuvor mit anderen Verstorbenen gemacht habe. Die Migranten aus Mali, Guinea und Senegal seien in Nuadibu, nördliche Hafenstadt Mauretaniens, losgefahren, berichtete er den Rettern. Dann ging ihnen nach viertägiger Fahrt und rund 160 Kilometer vor den zu Spanien gehörenden Kanaren das Benzin aus. „Die Menschen fingen an zu schreien, zu beten und zu weinen“, erinnert sich Leidi, gelernter Fischer, dem das Ruder des Kahns übertragen worden war. Dann habe es Streit um Reis und Wasser gegeben. Auch Gewalt sei ausgebrochen. Einige, die gerade schliefen, seien von Mitfahrenden lebend über Bord geworfen worden. Andere seien später, als Hunger und Durst unerträglich wurden, „selbst ins Wasser gesprungen“, um dem Leiden ein Ende zu machen.

Nach den Aussagen von Steuermann Leidi seien er und die anderen Immigranten von jenen Menschenschmugglern, die diesen Elendstransport organisiert hatten, betrogen worden. Man habe ihnen nicht genug Benzin mitgegeben. Mehr als zwei Wochen schaukelte der Fluchtkahn dann antriebslos über den Atlantik. Wurde mehr als 1000 Kilometer nach Südosten, Richtung Kapverdische Inseln, abgetrieben, wo Leidi schließlich von dem spanischen Kutter gerettet wurde.

Fast zeitgleich spielt sich vor der Küste Senegals ein weiteres Drama ab: Ein Migrantenschiff mit etwa 160 schwarzafrikanischen Flüchtlingen sei im Atlantik auseinandergebrochen, berichten die Medien Senegals. Mindestens 150 der Insassen ertranken, zehn seien lebend geborgen worden. Fast täglich legt irgendwo an der west- oder nordafrikanischen Küste eines dieser wackeligen Emigrantenboote ab. Vollgestopft mit verzweifelten Afrikanern, die versuchen den gelobten Kontinent Europa zu erreichen. Allein an spanischen und italienischen Küsten landeten seit Jahresbeginn mehr als 25 000 afrikanische „Boatpeople“. Die Zahl der Ertrunkenen wird auf mehrere tausend seit Jahresbeginn geschätzt.

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