Politik : Ein Meilenstein für die Kurden

Die Wahl von Dschalal Talabani zum Staatspräsidenten ist ohne Zweifel ein Meilenstein in der Geschichte der irakischen Kurden. Denn unter dem Regime von Saddam Hussein, waren die Kurden wie Bürger zweiter Klasse behandelt worden und zum Teil blutig verfolgt worden.

Kairo (06.04.2005, 16:02 Uhr) - An den Schaltstellen der Macht saßen vorwiegend sunnitische Araber. Trotzdem war die immer wieder auch von internen Machtkämpfen überschattete Lage der Kurden im Irak in den vergangenen 100 Jahren oft besser als die der kurdischen Minderheiten in einigen Nachbarländer.

Talabani beantwortet Fragen danach, ob es richtig sei, dass ein Staat mit einer arabischen Bevölkerungsmehrheit nach Außen hin von einem Kurden repräsentiert werde, gern mit folgendem Argument: «Ein Kurde ist ein irakischer Bürger so wie jeder andere auch, weshalb sollte er dann nicht Präsident werden.» Der Posten des Staatspräsidenten ist gemäß dem neuen politischen System des Iraks zwar eher repräsentativ angelegt. Talabani wird also weniger Entscheidungsgewalt haben als der Ministerpräsident. Da die Iraker jedoch daran gewöhnt sind, dass der Präsident der wichtigste Mann im Staat ist, ist der Posten trotzdem mit großem Prestige verbunden.

Den irakischen Arabern, Turkmenen und Christen muss Talabani jetzt beweisen, dass er vom kurdischen Norden nach Bagdad gekommen ist, um die Interessen aller Iraker zu vertreten und nicht nur die der Kurden. Denn von jenen wünschen sich viele nicht eine bloße Autonomie, sondern einen eigenen Staat.

In der idyllisch zwischen Bergen gelegenen nordirakischen Stadt Suleimanija, in der Talabani als Vorsitzender der Patriotischen Union Kurdistans (PUK) bisher fast uneingeschränkt das Sagen hatte, feierten die Menschen am Mittwoch seine Wahl zum Präsidenten. Sie schlachteten Lämmer auf der Straße, tanzten und schwenkten die kurdische, nicht die irakische Fahne.

Auch sind die Berührungsängste immer noch groß. So bemühen sich Talabani und der Chef der Kurdischen Demokratischen Partei (KDP), Massud Barsani, durchzusetzen, dass keine arabischen Einheiten der irakischen Armee im kurdischen Norden stationiert werden. Ihre Begründung: Der Schock und das Misstrauen säßen bei denjenigen Kurden, die einst bei den von Saddam angeordneten Angriffen der Armee Angehörige verloren hätten, noch zu tief. Deshalb sollten im Norden auch weiterhin nur «Peschmerga», Kämpfer der Milizen der beiden Parteien, für Sicherheit sorgen.

Mit einer vereinten nationalen Armee lassen sich derartige Pläne zwar nur schlecht vereinbaren. Ganz unverständlich ist es trotzdem nicht, dass sich die Kurden nach Süden hin abschotten wollen. Denn abgesehen von einigen wenigen folgenschweren Terroranschlägen ist es in den drei nördlichen Kurdenprovinzen Dohuk, Erbil und Suleimanija seit dem Sturz des Saddam-Regimes im April 2003 relativ ruhig geblieben, während Aufständische in den angrenzenden Provinzen Ninive, Salaheddin, Dijala und Kirkuk täglich Menschen töten.

Die Wahl Talabanis zum Staatspräsidenten, die von den Kurdenparteien vorab mit der Schiiten-Allianz ausgehandelt worden war, zeigt auf jeden Fall, dass die Kurden in Bagdad gut verhandelt haben. Denn die Allianz der Schiiten hatte bei den Wahlen mit 140 von 275 Mandaten eine knappe Mehrheit im Parlament errungen. (Von Anne-Beatrice Clasmann, dpa)

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben