Politik : Ein Mord und zwei Spuren

In der Türkei wurde ein Wissenschaftler getötet, der den Prozess gegen deutsche Stiftungen ausgelöst hatte

Susanne Güsten[Istanbul]

Es war wie eine Hinrichtung. Als der türkische Wissenschaftler Necip Hablemitoglu am Mittwochabend vor seinem Haus in der Portakal Cicegi Sokak (Orangenblütenstraße) der türkischen Hauptstadt Ankara aus seinem Wagen stieg, wartete sein Mörder schon. Von einer aus nächster Nähe abgefeuerten Pistolenkugel ins linke Auge getroffen, stürzte der 48-Jährige vor den Augen seiner Frau zu Boden und war sofort tot. Der Täter entkam; die Polizei sprach von einer Tat professioneller Killer. Das Attentat hat die Türkei aufgeschreckt, denn Hablemitoglu war nicht irgendwer. Der Dozent an der Universität Ankara hatte sich durch Aufsehen erregende und zuweilen absurde Vorwürfe gegen die deutschen politischen Stiftungen in der Türkei sowie gegen Islamisten einen Namen gemacht. Mitten in der Phase der EU-Annäherung der Türkei könnte der Mord das Lager der Europa-Gegner stärken.

Sofort nach den Schüssen in der Orangenblütenstraße schossen die Verschwörungstheorien ins Kraut. Insbesondere die Tatsache, dass Hablemitoglu kurz vor Beginn eines auf seine Vorwürfe zurückgehenden Spionageprozesses gegen die parteinahen deutschen Stiftungen am 26. Dezember ermordet wurde, gibt Anlass zu Spekulationen. Der Mord an dem Wissenschaftler habe das Ziel gehabt, das Verfahren gegen die Stiftungen aus der Bahn zu werfen, hieß es in der Umgebung von Nuh Mete Yüksel, einem mit Hablemitoglu befreundeten Staatsanwalt. Yüksel hatte die Anklage gegen die deutschen Stiftungen erhoben, ehe er kürzlich über eine Sex-Affäre stolperte.

In Anlehnung an ein Buch von Hablemitoglu wirft die Staatsanwaltschaft den Repräsentanten der Konrad-Adenauer-, der Friedrich-Ebert-, der Heinrich-Böll- und der Friedrich-Naumann-Stiftung sowie des deutschen Orient-Instituts vor, einen gegen den türkischen Staat gerichteten „Geheimbund“ gegründet zu haben – und zwar im Auftrag und als „Werkzeuge der deutschen Außenpolitik“. Die Stiftungsvertreter würden vom deutschen Botschafter in Ankara gesteuert. Ziel ihrer Aktivitäten sei es, „den (türkischen) Nationalstaat zu schwächen“. Die Anklage fordert bis zu 15 Jahre Haft. Die Stiftungsvertreter hatten bisher geplant, trotz des Weihnachtsfestes am 26. Dezember zum Prozessauftakt vor dem Staatssicherheitsgericht in Ankara zu erscheinen – nun überlegen sie, ob sie in der aufgeheizten Stimmung nach dem Mord nicht besser darauf verzichten sollten.

Hablemitoglu gehörte zu den kemalistisch-nationalistischen Hardlinern in der Türkei, die das westliche Ausland im Verdacht haben, ihr Land schwächen oder gar teilen zu wollen. Diese Gruppe war angesichts der EU-freundlichen Stimmung bei vielen Türken in jüngster Zeit in die Defensive geraten. Nach seiner Ermordung wird Hablemitoglu nun aber von seinen Mitstreitern als unerbittlicher Kämpfer gegen innere und äußere Feinde der Türkei gepriesen. Staatsanwalt Yüksel sagte, der Ermordete habe sich als Patriot „selbst geopfert“. Das Verbrechen habe die Position der deutschen Stiftungen im bevorstehenden Prozess erschwert, sagte ein westlicher Türkei-Experte in Ankara.

Hablemitoglu sah allerdings nicht nur in den deutschen Stiftungsvertretern gefährliche Staatsfeinde. Auch der gemäßigte Islamist Fethullah Gülen geriet bei Hablemitoglu in den Verdacht anti-türkischer Aktivitäten. Gülen, der sich wegen einer weiteren Anklage Yüksels im amerikanischen Exil aufhält, stehe im Dienst der CIA, behauptete Hablemitoglu. In einem neuen, noch nicht veröffentlichten Buch wollte er die angebliche Unterwanderung türkischer Sicherheitskräfte durch islamistische „Maulwürfe“ enthüllen.

Die Zeitung „Hürriyet“ spekulierte deshalb, bei dem Mord seien möglicherweise Kräfte am Werk, die nach dem Machtantritt der von Recep Tayyip Erdogan geführten, islamisch geprägten Regierungspartei AKP eine Aussöhnung zwischen dem religiösen Lager und dem türkischen Staat verhindern wollten; auch EU-feindliche Kreise kämen in Frage. Politische Morde, die in den neunziger Jahren in der Türkei zum traurigen Alltag gehörten, waren in den vergangenen Jahren selten geworden. Hoffentlich markiere das Attentat auf Hablemitoglu nicht den Beginn einer neuen „schlimmen Phase“, erklärte Staatspräsident Ahmet Necdet Sezer.

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