Politik : Ein mysteriöser Terrorist

Ob Kashmiri tot ist und wie gefährlich er für Deutschland war, bleibt fraglich

Frank Jansen

Berlin - Dem Mann eilt ein schauriger Ruf voraus, auch in Deutschland. Als im vergangenen November der damalige Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) öffentlich vor einem Terroranschlag warnte, wurde in Sicherheitskreisen öfter ein Name genannt: Mohammed Ilyas Kashmiri. Der Pakistaner sei eine führende Figur bei Al Qaida und mitverantwortlich für den extrem blutigen Angriff einer Terrortruppe auf die indische Metropole Mumbai im November 2008, hieß es. Und Kashmiri habe vermutlich bis zu 25 Terroristen losgeschickt, die nach dem Muster von Mumbai in der Bundesrepublik ein Ziel angreifen sollen – womöglich in Berlin, womöglich den Reichstag. Passiert ist glücklicherweise nichts, von Kashmiri kann offenbar auch nichts mehr kommen, da er am Freitag in der pakistanischen Terrorhochburg Wasiristan bei einem Drohnenangriff umgekommen sein soll.

Gewissheit gibt es nicht. Kein Sicherheitsexperte wollte am Montag bestätigen, dass Kashmiri tot ist. Es gebe nur „plausible Indizien“, war zu hören. Für die Annahme, dass Kashmiri bei dem Drohnenangriff starb, spreche ein etwas seltsames Fax, mutmaßlich von Kashmiris Terroreinheit Harakat ul Dschihad Islami versandt, in dem sein Tod bestätigt wird. „Aber wir haben keine Leiche gesehen“, sagt ein Experte, außerdem sei Kashmiri schon 2009 nach einer Drohnenattacke für tot gehalten worden und doch wieder aufgetaucht. Klarer erscheint hingegen, dass bei dem Warnszenario in Deutschland im November 2010 die Rolle Kashmiris kleiner war, als sie in der allgemeinen Aufregung erschien.

Da es die Hypothese gegeben habe, ein Anschlag „im Mumbai-Style“ könne bevorstehen, sei auch Kashmiri erwähnt worden, sagen Experten heute – wegen seiner Verwicklung in die Attacke auf die indische Stadt. Doch gravierende Hinweise auf Kashmiri hätten im November nicht vorgelegen. Verstärkt hat sich jedoch ein anderer Verdacht: Der hochrangige Al-Qaida-Kader Scheich Yunis al Mauretani schmiedet offenbar weiter Pläne für einen Anschlag in Deutschland.

Den Namen al Mauretani hatten der Deutschsyrer Rami M. und der Deutschafghane Ahmed S. bei Verhören im Herbst 2010 genannt. Beide waren zum Dschihad nach Wasiristan gereist, wurden festgenommen und sitzen in deutschen Gefängnissen. Das Oberlandesgericht Frankfurt am Main verurteilte Rami M. im Mai zu vier Jahren und neun Monaten Haft, Ahmed S. steht eine Anklage noch bevor. Al Mauretani und ein weiterer Kader von Al Qaida stecken vermutlich auch hinter der im April aufgeflogenen „Düsseldorfer Zelle“, die einen Anschlag vorbereitete. Auch der im Mai in Afghanistan festgenommene, aus Deutschland eingereiste Marokkaner Mohammed A. könnte in Kontakt zu al Mauretani gestanden haben. Die Experten sind sich einig: Die „Bedrohungslage“ bleibe jedenfalls für die Bundesrepublik „unverändert hoch“.

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