Politik : Ein Nachbar namens Kurdistan

Offiziell ist die Türkei gegen einen eigenen Staat für die Minderheit – doch offener denn je wird darüber debattiert

Susanne Güsten[Istanbul]

„Noch nicht einmal denken“ dürften die Amerikaner an die Gründung eines Kurdenstaates im Nordirak. Das erklärte der türkische Generalstab den US-Generälen, die jetzt zur Vorbereitung eines möglichen Irak-Krieges in Ankara waren. Dass die Türkei bei einem Angriff kooperieren würde, ist ausgemachte Sache, denn die USA brauchen die Türkei dafür – und die Türkei braucht die USA eigentlich immer. Selbst wenn es im Sicherheitsrat keine Einigung auf eine Resolution geben sollte, dürfte Washington daher auf die Türken zählen können, die sich ins Unvermeidliche gefügt haben und nur noch diese eine Bedingung stellen: Einen Kurdenstaat dürfe es auch nach dem Krieg nicht geben.

Doch das Denkverbot, das Ankara dem Bündnispartner auferlegen will, ist in der Türkei selbst bereits aufgehoben. Hinter den Kulissen wird durchaus schon über Plan B nachgedacht: Könnte die Türkei etwa doch mit einem Nachbarland namens „Kurdistan“ leben? Die US-Generäle bekamen davon noch nichts zu hören, im Gegenteil: Ankara verlangt nach wie vor die Garantie, dass die irakischen Kurden sich nicht selbstständig machen dürfen; andernfalls werde die Türkei selbst im Nordirak einmarschieren, um solche Bestrebungen im Keim zu ersticken. Die USA bringt das in Verlegenheit, stellen die nordirakischen Kurden doch die gegenteilige Bedingung: Nur wenn bei dem Krieg ein eigenes Land für sie herausspringt, wollen sie noch einmal das Risiko auf sich nehmen, mit den Amerikanern gegen Saddam Hussein zu kämpfen. Washington wird aber sowohl die Türken als auch die Kurden brauchen, wenn der Feldzug gelingen soll – die einen für Aufmarschgebiet und Luftwaffenbasen, die anderen als militärische Vorhut nach dem Muster der afghanischen Nordallianz.

Im Streit um den Kurdenstaat wird einer der beiden US-Verbündeten also zwangsläufig den Kürzeren ziehen; das weiß man auch in Ankara. Dort gilt zwar derzeit noch Plan A, wonach der Kurdenstaat mit allen Mitteln zu verhindern ist. Über den Plan B – was tun, wenn die USA sich für die Kurden entscheiden? – wird aber schon offen debattiert. Die Option, einen Kurdenstaat anzuerkennen, ist längst nicht mehr so tabu, wie Ankara es nach außen aussehen lässt. „Was haben wir eigentlich gegen einen Kurdenstaat?“, fragt die größte Zeitung des Landes, „Hürriyet“, in einem Leitartikel ihres Chefredakteurs Ertugrul Özkök. „Wäre es nicht besser für uns, wenn im Nordirak ein Kurdenstaat gegründet würde, der von uns kontrolliert wird und mit uns befreundet ist?“ Wenn die Türkei militärisch im Nordirak interveniere, „dann macht sie den größten Fehler ihrer Geschichte“, warnt auch der einflussreiche Kommentator Mehmet Ali Birand. „Dann schafft sie sich einen Feind vor der eigenen Haustür.“ Falls der Kurdenstaat nicht verhindert werden könne, solle die Türkei ihn unterstützen, fordert Birand. „Das würde unseren Interessen langfristig besser dienen.“

Mit dem Falken Gürel im Außenministerium wird das zwar nicht zu machen sein, doch dürfte der von den Parlamentswahlen in zehn Tagen aus dem Amt gefegt werden. Je nach Wahlausgang könnte das bisher Undenkbare dann sogar zur türkischen Außenpolitik werden.

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