Politik : Ein paar Bomben sind genug

Elke Windisch

Moskau - Für die Morgentalks der russichen Radiosender war es der „Artikel des Tages“: Die einflussreiche und stets bestens informierte Tageszeitung „Komersant“ hatte aus dem Entwurf der neuen Kernwaffendoktrin von Barack Obama zitiert, die bisher noch nicht einmal dem US-Kongress zur Beschlussfassung vorliegt. Sie stützt sich nach Angaben von „Komersant“ auf ein Gutachten der Föderation amerikanischer Wissenschaftler mit dem Titel „Von der Konfrontation zu minimaler Abschreckung“. Fazit der Autoren, darunter 68 Nobelpreisträger: Um Moskau in Schach zu halten, würden ein paar hundert auf insgesamt zwölf strategische Unternehmen ausgerichtete Sprengköpfe genügen. Auf der Liste, so das Blatt, stünden Gasprom, Ölgiganten wie Rosneft und Surgutneftegas, der weltgrößte Buntmetallkonzern Norilsk Nickel, der Aluminiumhersteller Rusal und Stahlkocher wie Sewerstal. Dazu kommen Großkraftwerke, an denen westeuropäische Konzerne wie die deutsche Eon oder die italienische Enel die Aktienmehrheit halten. Obama habe seinen russischen Amtskollegen beim ersten Gipfel beider Präsidenten Anfang April die Grundzüge der neuen US-amerikanischen Kernwaffendoktrin erläutert.

Es war nicht zuletzt die vor acht Jahren von der Regierung Bush in Kraft gesetzte atomare Doktrin, die das russisch-amerikanische Verhältnis drastisch abkühlte. Sie listet – für den allerdings von beiden Seiten als rein hypothetisch definierten Fall eines atomaren Schlagabtausches – 194 russische Großstädte und tausende Industriebetriebe als potenzielle Ziele auf. Obama dagegen, lobte der unabhängige Militärexperte Alexander Goltz, würde für drastische Reduzierungen nicht nur deshalb plädieren, weil er die geltenden Obergrenzen für ein Relikt des Kalten Krieges und damit für sinnlos hält. Bei Naturkatastrophen seien die 5200 Kernsprengköpfe, über die Washington gegenwärtig verfügt, vor allem für die eigene Bevölkerung eine tödliche Gefahr. Elke Windisch

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