Politik : Ein Präsident wird persönlich

Obama überrascht mit Rede zum Fall Martin.

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Nachdenklich. Barack Obama Foto: Reuters
Nachdenklich. Barack Obama Foto: ReutersFoto: REUTERS

Lange hat der erste schwarze Präsident Amerikas geschwiegen. Streng genommen fünf Jahre lang. Denn seit seiner Amtseinführung hat Barack Obama das Thema Rassismus gemieden. Nun hat er sein Schweigen gebrochen. Unangekündigt und mit ernster Miene trat er am Freitag zu seiner vielleicht wichtigsten Rede an. Zu einer Rede, in der es um Trayvon Martin, den erschossenen Jugendlichen, ging – aber vor allem um den alltäglichen Rassismus in den USA.

Es sind Sätze, die vermutlich Geschichte schreiben werden, vorgetragen in nüchternem Ton mit sparsamer Gestik. „Nachdem Trayvon Martin erschossen worden war, habe ich gesagt: Das könnte mein Sohn sein“, sagte Obama im schwarzen Anzug mit weißem Hemd, am Revers die amerikanische Flagge als Anstecknadel. „Ich könnte auch sagen: Trayvon Martin könnte ich selbst sein – vor 35 Jahren.“

Obama hat keine Partei ergriffen im Streit um den Prozess. Die Richterin habe das Verfahren geführt, das Urteil sei gesprochen. Kein Vorwurf an die Anklage, die schuld ist an dem Freispruch für den Nachbarschaftswächter George Zimmerman, weil sie diesen auf Mord verklagt hatte und nicht auf Totschlag. Der Mordvorwurf war dem Schützen aber nicht nachzuweisen.

Für große Teile der afroamerikanischen Bevölkerung war der Freispruch ein schwerer Schlag. Sie identifizieren sich aus gutem Grund mit dem unbewaffneten Jungen, den der Täter für einen Dieb gehalten hatte. Schwarze ziehen im Justizsystem oft den Kürzeren: Sie bekommen häufiger die Todesstrafe als Weiße. Bei Drogendelikten werden Schwarze härter bestraft als Weiße.

Der Rassismus ist in den Staaten noch allgegenwärtig. Nun hat sich der Präsident selbst als Opfer offenbart.

„Es gibt nur sehr wenige afroamerikanische Männer in diesem Land, denen man noch nicht im Kaufhaus gefolgt wäre. Auch mir ist das passiert“, sagte Obama.

„Es gibt nur wenige afroamerikanische Männer, die noch nicht erlebt haben, dass sie über die Straße gehen und die Autoschlösser klicken hören. Auch das ist mir passiert, bevor ich Senator wurde.“

„ Es gibt nur sehr wenige Afroamerikaner, die noch nicht die Erfahrung gemacht haben, in einen Fahrstuhl zu steigen und zu sehen, wie die Frau gegenüber nervös ihre Handtasche umklammert. Das passiert – oft.“

Dass schwarze Jugendliche nicht nur Opfer, sondern auch überproportional häufig Täter bei Gewaltverbrechen sind, sagt Obama auch. Er betont aber, was viele nicht wahrhaben wollen. Dass die Gewalt unter Schwarzen nichts mit der Hautfarbe zu tun hat, sondern mit den sozialen Problemen, die bis heute mit der Herkunft einhergehen.

Der Präsident fordert eine Sensibilisierung der Behörden, um „racial profiling“ zu vermeiden. Er prangert Waffengesetze an wie das in Florida herrschende „Stand-Your-Ground“-Gesetz. Das habe zwar letztlich im Fall Trayvon Martin keine Rolle gespielt, doch müsse man über die Signalwirkung eines solchen Gesetzes nachdenken, sagt Obama. „Wenn wir es ermöglichen, dass einer, der bewaffnet ist, im Falle eines Konflikts seine Waffe einfach benutzen kann, anstatt etwa einer Konfrontation aus dem Wege zu gehen, bringt uns das wirklich näher in Richtung der friedlichen Gesellschaft, in der wir leben möchten?“

Obama scheint mit seinen Worten das Herz der meisten Amerikaner erreicht zu haben. Doch es gibt auch hasserfüllte Reaktionen. Sean Hannity vom Sender Fox News giftete nur wenige Stunden nach der Rede, dass sich Obama vor allem deshalb mit Trayvon Martin identifizieren könne, „weil sie beide Drogen genommen haben“. Das Land hat noch einen weiten Weg vor sich. Lars Halter

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