Politik : Ein pragmatischer Vermittler

Ludwig Watzal

In Israel und Palästina dominiert wieder die Gewalt. Der israelisch-palästinensische Friedensprozess liegt in Trümmern. Die am Konflikt beteiligten Akteure haben sich als unfähig erwiesen, den 104-jährigen Streit beizulegen. Deshalb drängt sich die Einsicht geradezu auf, weitere Akteure mit ins Boot zu nehmen. Einen neutraleren und berufeneren als den Vatikan gibt es nicht. Er spielt in diesem Konflikt eine tragende Rolle. Sein Interesse am Status von Jerusalem und an der christlichen Präsenz im Heiligen Land machen ihn in dieser Krisenregion und bei den Vereinten Nationen zu einer gestaltenden politischen Kraft, auf dessen Kompetenz in dieser verfahrenen Situation ruhig zurückgegriffen werden sollte.

Mit der Dissertation von Ulrike Koltermann liegt erstmals eine umfassende Darstellung der vatikanischen Palästina-Politik vor. Dem Leser werden 50 Jahre Geschichte der Kirche und des Nahen Ostens facettenreich dargestellt. Brisant und spannend sind die Ausführungen allemal. Von Beginn des vatikanischen Engagements in Palästina ging es um die Sicherung der Rechte von Katholiken. Sie scheinen für den Vatikan umso wichtiger zu werden, je weniger sie an Zahl werden. Erst mit der zweiten Vertreibungswelle infolge des Sechstagekrieges vom Juni 1967 bezog Rom auch die Rechte aller christlichen Konfessionen in sein Kalkül mit ein.

Das Buch gliedert sich in drei Kapitel. Einleitend legt die Autorin nicht nur die methodischen Grundlagen ihrer Untersuchung offen, sondern sie klärt auch die Begrifflichkeit wie Heiliger Stuhl, Heiliges Land und Heilige Stätten. Die Strukturen vatikanischer Diplomatie werden beschrieben, zu denen auch das lateinische Patriarchat von Jerusalem gehört, das am 27. Juli 1847 wieder neu errichtet worden ist. Es knüpfte an das von den Kreuzfahrern 1099 errichtet lateinische Patriarchat von Jerusalem an.

Das zweite Kapitel ist das Herzstück der Arbeit. Dieser historische Teil behandelt die Debatte um die Internationalisierung Jerusalems, die Nachkriegszeit unter Papst Johannes XXIII., die Reise Pauls VI. ins heilige Land 1964, die Intensivierung der Palästina-Politik im Zuge des Juni-Krieges 1967 sowie die Palästina- und Israelpolitik unter Papst Johannes Paul II. seit 1978. Im dritten Kapitel skizziert Koltermann die Entwicklungslinien der vatikanischen Palästinapolitik.

Zentrale Anliegen vatikanischer Palästina-Politik war der Schutz des religiösen Charakters Jerusalems und dessen Internationalisierung, die Erhaltung der Präsenz der christlichen Gemeinschaften im Heiligen Land und eine gerechte Lösung des Palästinakonfliktes. Nach Meinung der Autorin wurden diese Ziele mit Pragmatismus und Prinzipientreue verfolgt. Die Nahostpolitik des Vatikan sei niemals gegen die Gründung eines jüdischen Staates gerichtet gewesen. Die Skepsis bestand nur in Bezug auf jede Art von eigenem Souveränitätsverlust über das Heilige Land und den Schutz der Heiligen Stätten. Hierauf konzentrierte sich das Hauptinteresse des Vatikan. Deshalb favorisierte man auch den Teilungsplan der Uno, weil dieser auch einen arabischen Staat und die Internationalisierung Jerusalems vorsah. Eine solche scheint zwar aufgrund der militärischen Übermacht Israels nicht mehr durchsetzbar zu sein, wäre aber gemäß Teilungsplan und Völkerrecht immer noch die zukunftsträchtigste Alternative zum "Alleinvertretungsanspruch" des Landes.

Der jüdischen Dominanz stand man skeptisch gegenüber, und in der Internationalisierungsfrage trafen sich vatikanische und französische Interessen, so Koltermann. Der Vatikan rückte von der Forderung der Uno nach einem "corpus separatum" Jerusalems ab, forderte aber eine "besonderen Status mit internationalen Garantien". Für die Autorin ist die Politik gerade in Bezug auf Jerusalem "gescheitert".

Neben der Frage der Internationalisierung gewann der Schutz der religiösen Gemeinschaften eine gleichwertige Bedeutung in der Palästinapolitik des Vatikans. Das vatikanische Engagement wurde nach Meinung der Christen vor Ort dadurch beeinträchtigt, dass der Vatikan Verhandlungen über eine Normalisierung der diplomatischen Beziehungen zu Israel aufnahm, ohne die christlichen Vertreter vorher zu konsultieren. Diesen Vorwurf wies der Vatikan zwar als unbegründet zurück, schrieb aber die Beteiligung von Vertretern der Ortskirche an zukünftigen Verhandlungen mit den Palästinensern fest. Die Autorin sieht in dieser Entwicklung eine neueQualität zwischen Vatikan und den Kirchen an diesem Ort.

Für Koltermann stellt der Vatikan die wichtigste moralische Unterstützung für die palästinensische Sache im Westen dar. Der Vatikan sorgte sich nicht nur um die Unterstützung für die palästinensischen Flüchtlinge in den Lagern, sondern trug auch maßgeblich dazu bei, dass die PLO als eine politische Bewegung und nicht als gewaltbereite Widerstandsorganisation betrachtet wurde. Im Umgang mit Israel betonte der Vatikan immer gegenüber der Staatengemeinschaft, dass es sich beim Nahostkonflikt um zwei eigenständige Völkerrechtssubjekte handelte und nicht um Religionsgemeinschaften. Dass der Vatikan solange keine diplomatischen Beziehungen zu Israel aufnahm, begründete dieser immer mit völkerrechtlichen Argumenten. Er wies die Unterstellung, es handele sich um "religiös motivierte, judenfeindliche Tendenzen" stets zurück.

Spannend sind die Passagen, in denen es um die Beziehungen zum Judentum und Israel geht. Hier gelingt es der Autorin besonders überzeugend, diese vertrackten Beziehungen zu entwirren und Licht in ein Dunkel von Missverständnissen zu bringen. Leider sieht Koltermann im Vatikan keinen glaubwürdigen Vermittler zwischen den beiden Konfliktparteien, da er diese Rolle durch sein "reserviertes Verhalten gegenüber Israel" in Frage gestellt habe. Diese Meinung scheint doch eher dem eingeschränkten Blickwinkel der Promoventin geschuldet als der einleuchtenden Beurteilung der realen Möglichkeit vatikanischer Diplomatie.

Mit der Aufarbeitung des Verhältnisses Vatikan - Palästina hat Ulrike Koltermann eine große Forschungslücke geschlossen. Ihr ist es gelungen, die nach außen hin "zweifelhafte" Rolle der vatikanischen Diplomatie gegenüber Israel zu revidieren und sie von dem Vorwurf des verdeckten Antisemitismus zu befreien.

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