Politik : Ein Psychotherapeut versucht, die Körpersprache der Politiker zu erklären

Harald Martenstein

Der Kanzler hält, nach einer Wahlniederlage, eine selbstbewusste Ansprache - nur Mut, Genossen! Aber die Gesten flehen um Hilfe. Der Kanzler bittet um Solidarität. Er schafft nur nicht, es auszusprechen. Gerhard Schröder läuft nicht mehr synchron, etwas ist zerbrochen: die Verbindung zwischen Wort und Körper.

Ulrich Sollmann, Psychotherapeut, hat sich den Kanzler angeschaut, von ihm stammt die These vom asynchronen Schröder. Sie steht in seinem Buch "Schaulauf der Mächtigen. Was uns die Körpersprache der Politiker verrät", das gestern in Berlin vorgestellt wurde. Sollmann wird von Zeitungen und Magazinen gerne um Beiträge gebeten, wenn es um die Psyche von Prominenten geht. Das fing an, als er im "Spiegel" über Steffi Graf und ihren Vater schrieb. Persönlich ist er den Grafs nie begegnet, auch die Politiker kennt er nur aus dem Fernsehen. Er analysiere keine realen Menschen, sagt Sollmann, sondern virtuelle Personen. Politiker seien Medienfiguren geworden, Fiktionen, die sich von der Biologie befreit haben.

Ähnliches hat schon Kurt Tucholsky über einen seiner Zeitgenossen geschrieben: "Den Mann gibt es gar nicht. Er ist nur der Lärm, den er verursacht." Stimmt das? Geht das? Der Berliner Büroleiter des "Spiegel", Jürgen Leinemann, hat zusammen mit Ruprecht Eser vom ZDF den Job übernommen, das Buch vorzustellen. Leinemann erwähnt, dass Freud und Leid der Politiker immerhin real sind. Aber dann erzählt er eine Geschichte über Franz Josef Strauß, die Sollmanns These vom virtuellen Medienmenschen bestätigt. Strauß konnte im Fernsehen, und wohl auch bei öffentlichen Auftritten, wie eine Walze wirken - gewaltig, stark, aggressiv. Er hatte aber sehr kleine Füße. Er trippelte, aus der Nähe wirkte er deshalb beinahe zerbrechlich. Strauß mochte es nicht, wenn seine Füße erwähnt wurden. Die Füße waren seine Intimspäre.

Inzwischen läuft es fast auf das Gleiche hinaus, ob einer Popsänger ist, Bundeskanzler oder Pornostar. Die Körper sind Gemeingut, irgendwann werden wir die erste nackte Ministerin im "Playboy" sehen. Bücher wie dieses aber laufen auf Prophezeiungen hinaus, die sich selber erfüllen: "Hombach verkörpert den Typus eines selbstsüchtigen Politikers, der nur sich selbst kennt." Nach der Affäre um Hombach schreibt dieser schlaue Satz sich allzu leicht. Interessanter wäre es, wenn Sollmann uns einen Tipp dazu geben könnte, welcher Volksvertreter als nächster wegen Selbstsucht auffallen könnte. Aber so exakt ist die Wissenschaft der Psychologen leider nicht.

Ein gutes Buch? Zu viele Fragezeichen, zu viel bedeutungsheischendes Geraune, zu viele Plattitüden und zu viel Psycho-Poesie. "Sie liebt die Menschen und ist selber Mensch geblieben." (Über Andrea Fischer.) "Er ist ein brillanter Redner, er begeistert die Menge durch die freie Rede, durch seinen Sachverstand, die Klarheit." (Über Joschka Fischer.) Der Vorsatz des Autors, die Politiker "nicht demontieren" zu wollen, treibt ihn häufig zum Gegenteil, zum Jubel-Sound. Immerhin hat Sollmann herausgefunden, dass alle Akteure der einstigen SPD-Troika, Schröder, Lafontaine und Scharping, ohne väterliche Identifikationsfigur aufgewachsen sind. Die sogenannten Enkel, Männer, die eines gemeinsam haben: Vaterlosigkeit.

Das Psychologisieren hat, vor langer Zeit, im "Spiegel" angefangen. Seit Jahrzehnten betrachtet der "Spiegel" die Politik als ein Seelendrama, und in Bonn erinnerte jeder Ministerwechsel an Shakespeare. Jürgen Leinemann, alter Meister eines Genres, in dem Sollmann sich erst ausprobiert, kann deshalb Schröders Körpersprache viel besser auf den Punkt bringen. Seit Jahren, sagt Leinemann, drücke Schröder, Aufsteiger aus kleinen Verhältnissen, in Gestik und Mimik vor allem diesen einen Satz aus: "Das hättet ihr nicht gedacht, dass ich das schaffe!" Wie soll er da um Hilfe bitten?

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